Elfter Artikel. Der Einigung in der Menschwerdung gingen keine Verdienste vorher.
a) Dies scheint jedoch. Denn: I. Zu Ps. 32. (Fiat misericordia) sagt die Glosse: „Hier wird hingewiesen auf die Sehnsucht des Propheten nach der Menschwerdung und darauf, daß er deren Erfüllung verdient hat.“ Also ist die Menschwerdung verdient worden. II. Wer etwas verdient, der verdient auch das, von dem abgesehen Jenes nicht besessen werden kann. Die alten Väter aber verdienten das ewige Leben, zu dem sie nur vermittelst der Menschwerdung gelangen konnten. Denn Gregor der Große (13. moral. 15.) sagt: „Diejenigen, welche vor der Ankunft Christi in dieser Welt lebten, konnten, wie groß auch ihre Gerechtigkeit sein mochte, nicht allsogleich in das himmlische Vaterland aufgenommen werden; denn noch nicht war Jener gekommen, der die Seelen der gerechten auf den ewigwährenden Thron setze.“ Also verdienten sie auch die Menschwerdung. III. Von der seligsten Jungfrau wird gesungen, „sie habe verdient, Christum zu tragen.“ Auf der anderen Seite sagt Augustin (de praed. Sanctor. 15.): „Wer auch immer in unserem Haupte Verdienste entdeckt, welche jener einzig dastehenden Geburt vorangegangen sind, der möge auch in den Gliedern desselben Verdienste finden, welche der vervielfachten Wiedergeburt vorangegangen sind.“ Keine Verdienste aber gehen voraus unserer Wiedergeburt, nach Tit. 3.: „Nicht auf Grund der Werke der Gerechtigkeit, die wir gemacht hätten, sondern gemäß seiner Barmherzigkeit hat Er uns gerettet durch das Bad der Wiedergeburt.“ Also gingen auch der Menschwerdung keine Verdienste voran.
b) Ich antworte, mit Rücksicht auf Christum selber konnten keinerlei Verdienste desselben der Einigung vorangehen. Denn wir lehren nicht, daß Er zuerst reiner Mensch war und später auf Grund seiner Verdienste es erlangt hat, Sohn Gottes zu sein; wie dies Photinus annahm. Im Gegenteil gehen wir davon aus, daß Er vom Beginne seiner Empfängnis an wahrhaft Sohn Gottes war, nach Luk. 1.: „Was aus Dir Heiliges wird geboren werden, dessen Name wird sein: Sohn Gottes.“ Kein Wirken also dieses Menschen konnte vorhergehen der Einigung und somit auch keinerlei Verdienst. Aber auch keine Werke eines anderen Menschen konnten als gerechten Lohn diese Einigung gleichwertig verdienen (ex condigno). Denn 1. haben die guten Werke eines Menschen recht eigentlich Beziehung zur Seligkeit, welche Lohn der Tugend ist und im vollen Besitze Gottes besteht. Die Einigung mit Gott aber in der Menschwerdung ist eine Einigung in der Person selber und übersteigt deshalb den Besitz Gottes, wie ihn der selige Geist hat, welcher Besitz ja nur eine Thätigkeit des Schauens ist; danach kann also die Einigung nicht verdient werden. Es kann 2. die Gnade nicht verdient werden; denn das Princip des Verdienstes wird nicht wieder selber verdient, da es die Quelle alles Verdienstes ist. Um so weniger ist dies der Fall mit der Menschwerdung, welche Princip und Quell der Gnade ist, nach Joh. 1.: „Gnade und Wahrheit ist durch Christum gemacht worden.“ Die Menschwerdung ist 3. die Wiedererneuerung und Wiedergeburt der ganzen menschlichen Natur; also kann sie nicht verdient werden von einem einzelnen Menschen, da das Gute eines einzelnen bloßen Menschen nicht verursachen kann das Gute der ganzen Natur. Dies hindert aber nicht, daß ex congruo die heiligen Patriarchen und Propheten die Menschwerdung verdient haben, nämlich durch ihr Verlangen und ihr Gebet. Denn es war entsprechend schicklich, daß Gott jene erhörte, die Ihm gehorchten.
c) I. Damit beantwortet. II. Das ist falsch, daß Alles das unter das Verdienst fällt, von dem abgesehen der Lohn nicht bestehen kann. Denn Manches wird nicht nur vorausgesetzt für den Lohn, sondern auch für das Verdienst, wie die göttliche Güte, die Gnade, die Natur selbst des Menschen. Und ähnlich ist die Menschwerdung Christi ein Princip und Quell des Verdienens, „von dessen Fülle wir alle empfangen haben“ (Joh. 1.). III. Maria verdiente auf Grund der ihr verliehenen Gnade jenen Grad der Reinheit und Heiligkeit, daß sie in schicklicher, geziemender Weise (congrue) Mutter Gottes sein konnte.
