Dritter Artikel. In Christo war keine Unkenntnis.
a) Dagegen spricht Folgendes: I. Damascenus (3. de orth. fide 21.) sagt: „Christus hat eine unwissende und knechtische Natur angenommen.“ Was aber Christo gemäß der menschlichen Natur zukommt, das war wahrhaftig in Ihm; wie der Tod und das Leiden. Also hatte Er Unwissenheit. II. Unwissend ist jener, dem ein Wissen fehlt. Christus aber „kannte nicht die Sünde,“ nach 2. Kor. 5. Also war in Ihm Unwissenheit. III. Von Christo heißt es bei Isai. 8.: „Ehe der Knabe wissen wird, wie Er den Vater und die Mutter zu rufen habe, wird die Stärke von Damaskus genommen werden.“ Also war in Christo Unwissenheit. Auf der anderen Seite wird Unwissenheit nicht durch Unwissenheit hinweggenommen. Deshalb aber kam Christus in die Welt, daß Er unsere Unwissenheit entferne, nach Luk. l.: „Damit Er erleuchte jene, die in den Finsternissen und im Todesschatten sitzen.“ Also war in Christo keine Unwissenheit.
b) Ich antworte, in Christo sei gewesen die Fülle alles Wissens und aller Gnade (Kap. 7. und 9.). Wie aber die Fülle der Gnade und der Tugend den Fleischesstachel ausschloß, so die Fülle des Wissens alle Unwissenheit.
c) I. Die Natur, welche das „Wort“ angenommen, kann 1. betrachtet werden gemäß dem Charakter ihrer Wesensgattung; und danach nennt sie hier Damascenus, denn er fügt hinzu, „sie sei ein Knecht desjenigen, der sie gemacht hat und sei in Unkenntnis über das Zukünftige.“ Sie kann 2. betrachtet werden gemäß dem, was sie aus der Einigung mit dem „Worte“ hat; und so ist sie nach Joh. 1, 14. „voll der Gnade und Wahrheit.“ II. Christus kannte die Sünde nicht aus Erfahrung; wohl aber deren Bosheit. III. Der Prophet spricht hier von dem menschlichen Wissen Christi. Denn er sagt: „Bevor der Knabe wissen wird,“ nämlich nach seiner menschlichen Natur, „zu rufen seinen Vater,“ nämlich Joseph, seinen Nährvater, „und seine Mutter,“ nämlich Maria, „wird die Stärke von Damaskus entfernt werden.“ Das ist nicht so zu verstehen, als ob einmal eine Zeit es gegeben hätte, in der Christus als Mensch dies nicht gewußt habe; sondern „bevor Er wisse“, d. h. bevor Er Mensch war, besitzend nämlich die menschliche Natur, „wird entfernt werden die Stärke von Damaskus,“ im wörtlichen Sinne, durch den König von Assyrien; oder im geistigen Sinne, „weil Er, noch nicht geboren, sein Volk allein dadurch befreien wird, daß es Ihn anruft,“ wie die Glosse des heiligen Hieronymus sagt. Augustin aber erklärt dies so (serm. de Epiph., 32. de Temp.): „Bevor Er im menschlichen Fleische menschliche Worte aussprechen wird, wird Er erhalten die Kraft der Stadt Damaskus, d. h. Reichtümer, auf die Damaskus stolz war; der Reichtum nämlich überträgt den Vorrang dem Golde. Die Beute Samarias waren jene selber, die es bewohnten; denn Samaria wird für Götzendienst genommen, da in Samaria das Volk Israelvom Herrn sich abwandte, um Götzen anzubeten. Diese Beute nun hat der Knabe dem Götzendienste an erster Stelle entrissen;“ nämlich bei der Anbetung der Magier. Und danach will sagen „bevor Er weiß“: bevor Er nach außen hin zeigte, daß Er wisse.
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