Vierter Artikel. Der Sohn ist gleich dem Vater in der Größe.
a) Dagegen spricht: I. Der Herr selbst sagt: „Der Vater ist größer als ich“ und der Apostel (1. Kor. 15.): „Dann wird auch der Sohn Unterthan sein jenem, der Ihm alles unterworfen hat.“ II. Die Vaterschaft gehört zur Würde des Vaters. Die Vaterschaft kommt aber nicht dem Sohne zu. Also hat der Sohn nicht alle Würde, die der Vater hat. III. Wo ein Ganzes ist und Teile, da sind mehrere Teile etwas Größeres wie einer oder wie wenigere; wie drei Menschen etwas Größeres sind wie zwei oder einer. Im Göttlichen aber scheint ein Allgemeines als Ganzes vorhanden zu sein und Teile darin; denn in einer Relation oder Notion sind mehrere enthalten, wie etwa die Gattungen Mensch, Tier in der allgemeinen „Art“ des Sinnbegabten. Da also im Vater drei Notionen sind, im Sohne aber nur zwei; so scheint es, daß der Sohn nicht dem Vater gleich ist. IX. Auf der anderen Seite heißt es Phil. 2, 6.: „Er hat es nicht für einen Raub erachtet, Gott gleich zu sein.“
b) Ich antworte, es ist durchaus notwendig zu sagen, daß der Sohn dem Vater gleich sei. Denn die Größe Gottes ist nichts Anderes wie die Vollkommenheit seiner Natur. Das aber gehört zum Charakter der Vaterund Sohnschaft, daß der Sohn die durchaus gleich vollendete Natur habe wie der Vater. In den Menschen freilich ist der Sohn nicht alsbald von Anfang an gleich dem Vater, der ihn gezeugt; — aber das ist deshalb der Fall, weil da die Zeugung eine Veränderung dessen ist, was vom Zustande des Vermögens in den des thatsächlichen Gewordenseins übergeht. Offenbar nun ist in Gott wahrhaft und eigentlich Vater- und Sohnschaft. Es kann auch nicht gesagt werden, daß Gott des Vaters Kraft abnimmt im Zeugen oder daß der Sohn nach und nach durch Veränderung aus dem, was etwas werden konnte, geworden ist. Also muß der Sohn dem Vater gleich sein. Deshalb sagt Hilarius (de syn. 27.): „Nimm hinweg die Ohnmacht des Körperlichen; nimm hinweg den Beginn des Werdens; nimm hinweg die Schmerzen der Geburt und alle menschlichen Notwendigkeiten, so ist jeder Sohn gemäß der natürlichen Geburt die Gleichheit des Vaters; denn ähnlich ist er ihm in der Natur.“
c) I. Diese Stellen gelten von der menschlichen Natur in Christo; darin ist Er geringer wie der Vater und Ihm unterworfen. Danach sagt Athanasius: „Gleich dem Vater gemäß der Gottheit, geringer als der Vater gemäß der Menschheit.“ Nach Hilarius zudem (9. de Trin.) „ist der Vater größer kraft der Autorität des Gebers der göttlichen Natur; aber geringer ist deshalb nicht jener, dem ein und dasselbe Sein gegeben wird“; und (de syn.): „Das Unterthansein des Sohnes ist die Hingebung seiner Natur gegenüber dem Vater, die Anerkennung nämlich, daß Er dieselbe empfangen von der väterlichen Autorität; das Unterthansein alles Übrigen ist die Ohnmacht des Geschaffenen.“ II. Die Größe in Gott ist die Vollkommenheit der Natur und diese gehört dem Wesen an. Deshalb sind Gleichheit und Ähnlichkeit in Gott Wesensattribute; und nicht wird gemäß dem Unterschiede der Relationen Ungleichheit und Unähnlichkeit ausgesagt. Deshalb schreibt Augustin (lib. 2. contra Maxim. 18.): „Das ist die Frage nach dem Ursprunge, wer von einem anderen ist.“ Gleichheit aber geht an nicht den Ursprung, sondern die Beschaffenheit und den Umfang oder die Größe. Die Vaterschaft also gehört zur Würde des Vaters ebenso wie das Wesen des Vaters. Denn Würde ist etwas in sich Abgeschlossenes, nichts Beziehungsweises; sie gehört sonach als Attribut zum Wesen. Wie also dasselbe Wesen im Vater Vaterschaft ist, was im Sohne Sohnschaft; so ist dieselbe Würde im Vater wie im Sohne. Wahrhaft also wird gesagt: Was der Vater an Würde hat, das hat auch der Sohn. Und daraus folgt nicht: Der Vater hat die Vaterschaft, also hat sie auch der Sohn. Denn in dieser Folgerung würde aus dem Wesen etwas für die Relation gefolgert werden, was nicht angeht. Denn dieselbe Würde und dasselbe Wesen ist des Vaters und des Sohnes; im Vater aber ist sie gemäß dem Charakter des Gebenden, im Sohne gemäß dem Charakter des Empfangenden. III. Von einem Allgemeinen als Ganzen kann in Gott nicht die Rede .sein. Denn alle Relationen sind ein und dasselbe Wesen und Sein. Dies aber widerspricht dem Charakter des Allgemeinen, dessen Teile (Mensch, Tier unter der allgemeinen Art „sinnbegabt“) dem Sein nach voneinander unterschieden sind. Dasselbe gilt von den Personen. Also alle Relationen sind nicht etwas Größeres wie ene; und nicht alle Personen zusammen etwas Größeres wie eine allein. Denn in jeder Person ist die Vollendung der ganzen göttlichen Natur.
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