Erster Artikel. Die Geburt Christi mußte nicht allen bekannt sein.
a) Das Gegenteil wird bewiesen: I. Ps. 49. heißt es: „In offenbarer Weise wird Gott kommen.“ Also mußte der ganzen Welt seine Geburt bekannt sein. II. 1. Tim. 1. wird gesagt: „Christus kam in diese Welt, um die Sünder selig zu machen.“ Das geschieht aber nur dadurch, daß ihnen die Gnade Christi offenbar wird, nach Tit. 2.: „Es erschien offenbar die Gnade Gottes und unseres Heilandes allen Menschen, und erzog uns, daß wir verzichten auf die Gottlosigkeit und weltliche Begierden und fromm, gerecht und nüchtern leben in dieser Zeit.“ Also allen offenbar mußte die Geburt Christi sein. III. Gott ist über alle Begriffe geneigter zur Barmherzigkeit wie zur Gerechtigkeit, nach Ps. 146.: „Über alle seine Werke sind seine Erbarmungen.“ Nun wird Er in der zweiten Ankunft, wo „Er die Gerechtigkeiten selber richten wird“, offen vor allen kommen, nach Matth. 24.: „Wie der Blitz ausgeht vom Osten und erglänzt bis zum Westen, so wird sein die Ankunft des Menschensohnes.“ Also mußte um so mehr die erste Ankunft allen offenbar sein. Auf der anderen Seite heißt es Isai. 45.: „Wahrhaft Du bist der verborgene Gott, der Heilige Israels, sein Retter,“ und Isai. 53.: „Wie verborgen ist sein Antlitz und verachtet.“
b) Ich antworte; die Geburt Christi durfte aus folgenden Gründen nicht allen offenbar sein. Denn 1. wäre dadurch die Erlösung der Menschen gehindert worden, die am Kreuze vollzogen ward, nach 1. Kor. 2.: „Wenn sie erkannt hätten, sie würden nie den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt haben.“ Dies hätte 2. vermindert das Verdienst des Glaubens, durch welchen Christus die Menschen erlösen wollte, nach Röm. 3.: „Die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben Jesu Christi;“ denn der Glaube ist der „Beweis oder Inhalt dessen, was nicht erscheint“ (Hebr. 11.). Dadurch wäre 3. in Zweifel gekommen die Wahrhaftigkeit der menschlichen Natur in Christo. Deshalb sagt Augustin (ep. 136. ad Volusianum): „Wenn in dem kleinen Knaben kein Übergang gewesen wäre zum Mannesalter; wenn Er keine Speisen, keinen Schlaf genommen hätte; — würde Er dadurch nicht selber Anlaß gegeben haben zum Irrtum jener, die da meinen. Er hätte nicht einen wahren Menschen angenommen; und während Er Alles in wunderbarer Weise gemacht haben würde, hätte Er fortgenommen, was Er in Barmherzigkeit gemacht hat!“
c) I. Diese Stelle gilt von der zweiten Ankunft. II. Nicht gleich im Beginne, sondern nach und nach waren die Menschen zu unterrichten über den Glauben, „nachdem der Herr das Heil gewirkt hatte in der Mitte der Erde“ (Ps. 73.). Nach seiner Auferstehung sagte Er deshalb zu den Aposteln: „Geht und lehret alle Völker.“ III. Zum Richten wird erfordert, daß die Autorität des Richters offen anerkannt werde und somit muß die zweite Ankunft Christi als des Richters eine allen offenbare sein. Die erste Ankunft aber war zu aller Heile, das auf dem Glauben beruht; und dieser hat zum Gegenstande das Nichterscheinens. Und deshalb war die erste Ankunft Christi eine verborgene.
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