Zehnter Artikel Christus ist am geeigneten Orte gestorben.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Christus hat gelitten gemäß dem Fleische, das empfangen worden ist in Nazareth, geboren in Bethlehem. Also hätte Er in einer von diesen beiden Städten leiden müssen. II. Die Wahrheit soll der Figur entsprechen. Die Figur des Leidens Christi aber waren die Opfer des Alten Bundes, die im Tempel dargebracht wurden. Also hätte Er im Tempel leiden müssen. III. Die Medizin muß der Krankheit angemessen sein. Das Leiden Christi nun war die Medizin gegen die Sünde Adams, der nicht in Jerusalem sondern in Hebron begraben worden ist, nach Josue 14.: „Der Name Hebron war früher Chariath-Arbe; Adam der größte unter den Enakim, liegt da.“ Auf der anderen Seite heißt es bei Luk. 13.: „Es darf der Prophet nicht untergehen außerhalb Jerusalem.“
b) Ich antworte; wie alle Zeiten in der Hand Christi sind, so auch alle Orte. Wie Er Sich also die passende Zeit für sein Leiden erwählt hat, so auch den passenden Ort.
c) I. Christus ist höchst zweckgemäßerweise in Jerusalem gestorben. Denn 1. war Jerusalem der von Gott erwählte Ort für das Darbringen der Opfer, welche die Figuren waren für das Opfer Christi am Kreuze, das da das wahre Opfer ist, nach Ephes. 5.: „Es gab sich selbst Christus dahin als Opfergabe, dargebracht zu angenehmem Wohldufte.“ Deshalb sagt Beda: „Als die Stunde des Leidens herankam, näherte sich Christus dem Orte seines Leidens“ (hom. in dom. palmar.); nämlich sechs Tage vor dem Osterfeste; wie das Osterlamm nach dem Gesetze sechs Tage vorher, am zehnten, an den Ort des Opfers geführt wurde. 2. Weil die Kraft seines Leidens sich der ganzen Welt mitteilen sollte, wollte Er in der Mitte des Erdkreises, d. h. zu Jerusalem, leiden, welches der Nabel der Erde genannt wird. 3. Dies gehörte zur Demut, mit der Er leiden wollte, daß Er einen so schimpflichen Tod in einer so allbekannten, berühmten Stadt erlitt. Deshalb sagt Leo der Große (serm. in Epiph. 1.): „Der die Knechtsgestalt angenommen, erwählte Bethlehem für seine Geburt, Jerusalem fürsein Leiden.“ 4. Damit Er zeige, von den Fürsten der Juden sei die Bosheit derer, die Ihn töteten, ausgegangen; denn zu Jerusalem weilten die Judenfürsten; weshalb Act. 4 es heißt: „Es kamen zusammen in dieser Stadt gegen Deinen heiligen Knaben Jesus, den Du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Geschlechtern und Stämmen der Juden.“ II. Christus wollte nicht in der Stadt und im Tempel, sondern außerhalb des Thores leiden wegen dreierlei: 1. Wegen der Wahrheit der Figur. Denn den Bock und das Kalb, welche bei dem feierlichsten Opfer zur Sühne der Sünden des ganzen Volkes dargebracht wurden, verbrannte man außerhalb des Thores (Lev. 16.). Deshalb heißt es Hebr. 13.: „Während das Blut dieser Tiere für die Sünde in „das Heilige“ gebracht wurde durch den Hohenpriester, wurden die Leiber derselben außerhalb des Thores verbrannt. Deshalb hat auch Jesus, damit Er durch sein Blut das Volk heilige, außerhalb des Thores gelitten.“ 2. Damit Er uns ein Beispiel gebe, uns vom Verkehr mit der Welt möglichst zu trennen; weshalb der Apostel fortfährt: „Gehen wir also zu Ihm außerhalb des Lagers und tragen wir mit Ihm seine Schande.“ 3. „Damit man nicht meine. Er sei nur für jenes Volk gestorben; deshalb wollte Er nicht in der Stadt, in einem Hause oder im Tempel gekreuzigt werden. Außerhalb der Stadt, außerhalb der Mauern sollte sein Opfer sein, auf daß du wissest, das Kreuzesopfer sei für alle, ein Opfer dargebracht von der ganzen Erde, die Reinigung und Darbringung des All“ (Chrysost. de cruce et latr.). III. Zu Matth. 27. bemerkt Hieronymus: „Man erklärte den Kalvarienberg als den Ort, wo Adam begraben liegt; und dieser Ort sei so genannt worden, weil dort das Haupt des „alten Menschen“ begraben liegt. Eine schöne Erklärung, angenehm klingend für das Ohr der Menge; aber leider nicht wahr. Außerhalb der Stadtthore nämlich sind jene Stätten, in denen die Köpfe den verurteilten abgeschlagen werden; und daher heißt der Ort „Kalvarienberg“ d. h. die Stätte der enthaupteten. Adam ist begraben bei Hebron und Arbee, wie bei Josue zu lesen.“ Jesus aber wollte vielmehr an der gemeinsamen „Schädelstätte“ gekreuzigt werden wie neben dem Grabe Adams; damit man erkenne, Er sei auch für alle persönlichen Sünden gestorben und nicht allein für die Sünde Adams.
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