Vierter Artikel. Kein Übel verdirbt das ganze Gute.
a) Dem entgegen wird behauptet: I. Der eine Teil eines Gegensatzes verdirbt durch seine Anwesenheit durchaus und ganz den anderen; wo Schwarz ist, da ist nicht Weiß. Gut und Übel aber steht im schroffen Gegensatze. Also verdirbt das Übel ganz das Gute. II. Augustin (Ench. c. 12.) sagt: „Das Übel schadet, insofern es das Gute fortnimmt.“ Das Gute aber ist immer sich selber gleich. Also wird das Ganze fortgenommen. III. Solange das Übel da ist, schadet es und nimmt das Gute fort. Wird aber von einem Sein immer etwas fortgenommen, so geht es bald selber zu Ende, wenn es nicht unendlich ist; was von einem geschaffenen Gute nicht gelten kann. Auf der anderen Seite sagt Augustin (Ench. 12.): „Das Übel kann nie ganz das Gute verzehren.“
b) Ich antworte, das Übel könne nicht ganz und gar das Gute aufzehren. Dazu muß erwogen werden, daß es ein dreifaches Gute giebt: Ein Gutes nämlich, was durchaus vom Übel verzehrt wird, und das ist das dem letzteren entgegengesetzte Gute; wie z. B. das Licht vollständig durch die Finsternis fortgenommen wird und das Sehen durch die Blindheit. Ein anderes Gute besteht ferner, was durch das Übel weder ganz fortgenommen noch vermindert wird und das ist das Subjekt, welches dem Übel als Träger dient; wie die Substanz der Luft in nichts vermindert wird durch die Finsternis. Ein drittes Gut endlich existiert; welches durch das Übel nicht ganz fortgenommen, aber vermindert wird und dieses Gute ist die Geeignetheit des Subjekts für die entsprechende Thätigkeit. Diese Verminderung aber ist nicht dahin zu verstehen, dah etwas davon hinweggenommen würde in der Weise, wie das beim Umfange z. B. der Fall ist, den ich teile und wo ich Stücke davon fortnehme. Vielmehr ist eine Verminderung nichts Anderes wie ein Nachlassen im Vermögen zur Thätigkeit, wie dies bei Eigenschaften und Formen der Fall ist; wie z. B. ein Maler nachläßt im Vermögen zu malen, wenn er lange Zeit nicht malt. Ein solches Vermögen wird eifriger, anhaltender vermittelst alles dessen, was es zur Thätigkeit geeigneter und bereitwilliger macht. Je mehr solche Mittel ihm gegeben werden, die es anspornen und der Thätigkeit näher bringen; desto mehr wird es geeignet, die vollendende Form zu erreichen. Und je mehr ihm Gegenteiliges zu teil wird, nämlich was es von der Thätigkeit abzieht; desto weniger ist es bereitwillig, Thätigkeit zu entfalten. Können aber solche vorbereitende Mittel weder nach der einen noch nach der anderen Seite hin ins Endlose vermehrt werden; so wird auch die Bereitwilligkeit zur Thätigkeit oder die Abneigung davor und das Nichtgeeignetsein in keiner Weise bis ins Endlose vermehrt oder vermindert werden können. So kann z. B. die Kälte und die Feuchtigkeit, durch welche die Bereitwilligkeit und Geeignetheit der Dinge, um die Form des Feuers anzunehmen, nachläßt oder verringert wird, nicht bis ins Endlose vermehrt werden, sondern es giebt da immer Grenzen. Wenn jedoch derartige Mittel auch endlos vervielfältigt werden könnten und somit die besagte Bereitwilligkeit und Geeignetheit für das betreffende Thätigsein ebenfalls bis ins Endlose vermindert würde und nachließe, so wird doch diese Geeignetheit nicht ganz durch das Gegenteil, das Übel, fortgenommen; denn sie bleibt in jedem Falle in der Wurzel, nämlich in der Substanz des Dinges. So kann durch dazwischengestellte, dichte Körper bis ins Endlose die Geeignetheit der Luft nachlassen und vermindert werden, um von der Sonne her beleuchtet zu werden. Sie wird jedoch nicht ganz und gar fortgenommen. Denn die Substanz der Luft, also die Wurzel der Geeignetheit des Vermögens in der Luft für das Erleuchtetwerden, bleibt bestehen; die Luft ist ihrer Natur nach durchscheinend, d. h. passend, erleuchtet zu werden. Ähnlich kann Sünde auf Sünde gehäuft werden und so die Seele bis ins Endlose in ihrer Bereitwilligkeit und Geeignetheit für die Gnade vermindert werden, sie kann bis ins Endlose unpassender werden für die Erleuchtung durch die Gnade; sie kann wie Isaias 59. sagt, „getrennt werben von Gott durch die Sünde.“ Aber die Seele bleibt ihrer Substanz nach, in ihrer Wurzel, fähig und geeignet, die Gnade aufzunehmen.
c) I. Das dem Übel gerade entgegengesetzte Gut wird vom Übel fortgenommen, nicht aber die übrigen Güter: das Subjekt und die Geeignetheit für das Gute. II. Diese Bereitwilligkeit oder Geeignetheit steht in der Mitte zwischen dem Subjekte und der Thätigkeit selber. Sonach wird sie von jener Seite her durch das Übel vermindert, wo sie sich hin zur Thätigkeit richtet. Sie bleibt von der Seite her, wo sie im Subjekte wurzelt. So ist nun das Gute an sich immer sich ähnlich; aber gemäß der Beziehung zu Verschiedenem wird es nicht ganz verzehrt. III. Die Verminderung in der Bereitwilligkeit zum Akte faßten manche nach Art der Verminderung eines Umfanges auf (cf. oben), so daß also durch eine Sünde immer verhältnismäßig ein Teil der Bereitwilligkeit oder Geeignetheit fortfiele, z. B. die Hälfte, dann die Hälfte von der Hälfte u. s. w. nach einem gewissen Verhältnisse. Aber das ist nicht so. In der Sünde wird nicht immer um dasselbe minder die Fähigkeit, das Gute zu wollen, verringert; sondern die eine Sünde kann mehr verringern als die vorhergehende oder auch mehr oder gleich viel. Darauf kommt es hier im Ganzen nicht an. Vielmehr ist diese Bereitwilligkeit oder Geeignetheit gewiß etwas Begrenztes. Sie wird aber verringert ins Endlose nicht in sich als Fähigkeit, sondern zufälligerweise; d. h. von außen her, insoweit die gegenteiligen Mittel, z. B. die schlechten Gelegenheiten, der Verzicht auf das Gebet, auf die Sakramente u. dgl. bis ins Endlose vermehrt werden, also die Fähigkeit der Seele für das Gute, die da immer besteht, keine Gelegenheit erhält, in Thätigkeit zu treten.
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