Zweiter Artikel. Es ist ein Irrtum, zu behaupten, die Engel seien aus Stoff und Form zusammengesetzt.
a) Das Gegenteil scheint vielmehr ein Irrtum zu sein. Denn: I. Alle Dinge, welche einer bestimmten Seinsart angehören, sind zusammengesetzt aus der Seinsart, welche sie haben, und dem Unterschiede vom anderen Sein, welcher, zur „Art“ hinzutretend, die Gattungsstufe bestimmt; wie zur Seinsart „sinnbegabt“ im Menschen der vom Tiere trennende Unterschied „vernünftig“ hinzutritt und so die Gattung „Mensch“ gebildet wird.Nun wird aber die gemeinsame Art als das bestimmbare Element vom Stoffe hergenommen und der bestimmende Unterschied, die Differenz, von der Form; wie Aristoteles in der Metaphysik beweist. Also ist alles, was einer bestimmten Seinsart zugehört, auch zusammengesetzt aus Stoff und Form. Da nun der Engel in der Seinsart der Substanz ist, so muß er auch die genannte Zusammensetzung in seinem Sein besitzen. II. Wo die Eigentümlichkeiten des Stoffes gefunden werden, da ist auch Stoff. Die Eigentümlichkeiten des Stoffes aber sind: „empfangen“, und Träger oder „Subjekt gewisser Eigenschaften sein“; wie Boëtius ausdrücklich sagt, daß ein Ding, welches nur Form, nur bestimmende Kraft ist, nicht ein solches Subjekt oder ein solcher Träger anderer Eigenschaften sein kann. Der Engel empfängt aber und ist Träger von bestimmten Vermögen oder Eigenschaften, die nicht seine Substanz sind. Also hat er Stoff in sich. III. Was nur Form ist, das ist reine Form. Form sein aber heißt bestimmend, formend, thätig sein. Was also nur Form ist ohne Stoff, das ist reine Thätigkeit. Nur Gott aber kommt es zu, rein Thätigkeit zu sein. Also ist der Engel in seinem Sein nicht ohne Stoff. IV. Jede Form findet ihr Ende und ihre Grenzen im Stoffe. Wo also kein Stoff ist; da muß die Form unendlich sein. Das kann jedoch von einem Engel, der reine Kreatur ist, nicht ausgesagt werden. Auf der anderen Seite sagt Dionysius (4. de div. nom.): „Die ersten Kreaturen müssen ebensogut als stofflos wie als körperlos aufgefaßt werden.“
b) Zch antworte, daß einige annehmen, die Engel seien aus Stoff und Form zusammengesetzt; zu diesen gehört Avicebron in seinem Buche „der Lebensquell“. Er setzt nämlich voraus, daß die Dinge in derselben Weise wie die Vernunft ihrer Auffassung nach in ihnen unterscheidet, auch wirklich solchen Unterschied in sich tragen. Nun erfaßt aber in der körperlosen Substanz die Vernunft etwas, wodurch diese Substanz unterschieden wird von der körperlichen Substanz; und wiederum erfaßt sie etwas Anderes, worin sie mit der körperlichen Substanz übereinkommt. Deshalb also möchte er schließen, daß jenes, wodurch die körperlose Substanz sich vom Körperlichen unterscheidet, die bestimmende Form gewissermaßen in ihr sei; wogegen jenes, was dieser unterscheidenden Form wie etwas Gemeinsames zwischen Körperlichem und Körperlosem zu Grunde liegt, was die Form also trägt, den Stoff in ihr vorstelle. Und sonach nimmt er auch an, daß ganz derselbe Stoff gemeinsam zu Grunde liege sowohl den geistigen wie den körperlichen Substanzen; und daß die bildende Form der körperlosen Substanz dem Stoffe der geistigen Substanzen so eingeprägt sei wie die Form des Umfanges oder der Figur dem Stoffe der körperlichen. Auf den ersten Blick aber erscheint es bereits, wie unmöglich ein und derselbe Stoff den geistigen und körperlichen Substanzen gemeinsam sein kann. Denn es ist zuvörderst unmöglich, daß die geistige Wesensform und die stoffliche von ein und demselben Teile des Stoffes getragen respektive ein und demselben Teile des Stoffes eingeprägt werde; denn dann würde ein und dieselbe Sache zugleich geistig und stofflich sein. Also bleibt nur übrig, daß ein Teil des Stoffes die geistige Form erhalte, somit zu einer geistigen Substanz werde; und daß ein anderer Teil die stoffliche Form erhalte, somit körperliche Substanz werde. Nun kann aber der Stoff nicht in verschiedene Teile geteilt werden, so daß ein Teil für diese, der andere für jene Form wäre, außer insoweit der Stoff als unter der Quantität stehend aufgefaßt wird. Denn nur was Umfang hat, ist teilbar; wird der Umfang fortgedacht, so bleibt etwas Unteilbares zurück. Somit würde folgen, daß der Stoff in den geistigen Substanzen dem Umfange unterworfen sei; was selbst nach Avicebron unmöglich ist. Denn darin besteht eben gerade nach ihm der Unterschied zwischen dem Körperlichen und Körperlosen, daß jenes dem Umfange unterworfen ist und dieses nicht. Aber ferner ist es noch aus einem anderen Grunde unmöglich, daß die geistig erkennende Substanz irgend welchen Stoff in sich enthält. Denn das Thätigsein eines jeden Dinges richtet sich nach der Beschaffenheit der Substanz. Nun ist aber die Thätigkeit, welche im geistigen Erkennen besteht, eine vollständig stofflose. Das geht aus ihrem Gegenstande hervor, wie ja überhaupt jede Thätigkeit ihre Seinsftufe und ihren inneren Seinsgrund vom betreffenden Gegenstande her hat. Der Gegenstand nämlich des geistigen Erkennens ist insoweit vom Stoffe losgelöst; er wird nicht aufgefaßt außer auf Grund der Entfernung der stofflichen Einzelheiten. Also muß auch die solchem Erkennen entsprechende Substanz eine stofflose sein. Wovon aber Avicebron ausgeht, das ist ein Grundirrtum. Der Unterschied, den die Vernunft gemäß ihrer Seinsbeschaffenheit in ihrem Auffassen macht, ist eben nicht notwendig der gleiche in der Wirklichkeit selber. Die Vernunft macht Unterschiede, die nur in ihr selber ihren Grund haben, die nämlich nur dazu dienen, daß sie besser zu erkennen vermöge. Danach haben die stofflichen Dinge als unter der Thätigkeit der Vernunft stehend, in unserer Vernunft ein einfacheres, vom Stoffe losgelösteres Sein wie in sich selbst. Die Substanzen der Engel aber, die über unserer Vernunft sind, kann unsere Vernunft nur auffassen und in deren wahrem Sein erkennen dadurch daß sie dieselben nach ihrer, der Vernunft, Weise auffaßt, d. h. in der Weise, wie sie zusammengesetzte Dinge auffaßt. So kommt sie ja auch zur Kenntnis Gottes.
c) I. Allerdings ist es der Unterschied vom anderen Sein in der gleichen Seinsart, die Differenz also, welche das bestimmende Element in der Gattung bildet. Jedoch wird jegliches Ding einer Gattung zugewiesen, insoweit es gemäß einer gewissen Seinsstufe bestimmt ist. Denn die Gattungen sind wie die Zahlen; heißt es bei Aristoteles in der Metaphysik (VIII). Wird eine Einheit hinzugethan oder hinweggenommen, so ändert sich die Zahl; aus der Zweiheit z. B. wird eine Dreiheit. Nun ist aber in den stofflichen Dingen em anderes Element das für die betreffende Seinsstufe bestimmende, nämlich die Form; und ein anderes ist das für dieselbe Seinsstufe bestimmbare, nämlich der Stoff; und sonach wird nicht von da her die Seinsart genommen, von wo der bestimmende Unterschied, die Differenz, genommen wird. So verhält es sich aber nicht in den stofflosen Dingen. Da ist nicht das bestimmende Element verschieden vom bestimmbaren; wie z. B. die Form des Dreiecks verschieden ist vom Stoffe, also dem Holze, dem Steine etc. Vielmehr nimmt jede stofflose Substanz aus sich selbst heraus eine bestimmte Stufe im Sein ein. Und deshalb wird da die „Art“ und die Gattungsdifferenz nicht nach voneinander verschiedenen Elementen bestimmt, sondern gemäß ein und demselben. Eine Verschiedenheit ist da nur in unserer Auffassung vorhanden; insofern nämlich unsere Vernunft jene Substanz in unbestimmter Weise betrachtet und danach den Grund für die Seinsart sich herstellt und insofern diese selbe Vernunft jene Substanz in bestimmter Weise betrachtet und danach den Grund für den Gattungsunterschied ableitet. II. Der im Einwürfe erwähnte Grund findet sich bei Avicebron. Er hätte Geltung, wenn die Art und Weise wie die Vernunft empfängt, dieselbe wäre, wie jene, in welcher der Stoff empfängt. Das aber eben ist falsch. Denn der Stoff empfängt eine bildende Form, damit danach etwas das Sein einer bestimmten Gattung erhalte, also z. B. Luft werde oder Feuer oder Ähnliches. So aber empfängt nicht die Vernunft ihre Erkenntnisform; sie wird nicht subjektiv das, wonach die Form sie bestimmt. Sonst wäre wahr, was Empedokles sagt (I. de anima, apud Arist.), der annahm, wir erkannten Erde durch Erde, Feuer durch Feuer. Die Erkenntnisform ist vielmehr in der Vernunft als reine Form, ohne ein bestimmbares, beschränkendes Element mit sich zu führen; und so wird sie als rein bestimmend von der Vernunft erkannt. Ein solches Empfangen hat also nichts zu thun mit dem Empfangen, welches dem Stoffe eigen ist; es ist das Empfangen, wie es einer stofflosen Substanz zukommt. III. Im Engel ist wohl nicht die Zusammensetzung aus Stoff und Form; jedoch findet sich da die Zusammensetzung aus Vermögen oder Potenz einerseits und thatsächlichem Sein andererseits. Das können wir uns klarmachen aus dem, was wir im Stofflichen finden. Da besteht nämlich eine doppelte Zusammensetzung. Die erste ist die von Stoff und Form; dadurch wird das Wesen oder die Natur eines Dinges gebildet; wie z. B. aus Leibund Seele die Menschnatur. Eine solche Natur aber ist noch nicht einzelnes Wirklichsein. Mit der Menschnatur an und für sich ist noch nicht der einzelne Mensch gegeben. Vielmehr ist eine solche Natur nur ein Vermögen, eine Möglichkeit, eine Potenz für das thatsächliche Wirklichsein. Dadurch daß eine Menschnatur existiert, ist die subjektive Möglichkeit gegeben, daß ein einzelner Mensch bestehe. Also muß da noch weiter die Zusammensetzung sein von Natur und thatsächlichem Sein. Wird nun also der Stoff fortgedacht und angenommen, daß die Wesensform für sich allein besteht, so fällt wohl die erste Zusammensetzung innerhalb der Natur selbst fort; aber es bleibt die Zusammensetzung von der Natur als einer Möglichkeit für das Sein und dem thatsächlichen Sein der Existenz. Und deshalb sagt Boëtius, daß im Engel die Zusammensetzung bleibe zwischen dem quo est et quod est. Das quod est ist nämlich die Natur selber im Engel, die Wesensform selber, welche für sich allein besteht ohne Stoff; sie trägt in sich das Princip des Einzelseins, was bei stofflichen Dingen sonst der Stoff ist. Das quo est aber ist das thatsächliche Wirklichsein, wodurch die Natur oder Substanz des Engels ist, wie z. B. das Laufen es ist, wodurch der Laufende läuft, wonach also von ihm ausgesagt wird, er laufe. In Gott aber ist auch diese letztere Zusammensetzung nicht; Er ist reine Thatsächlichkeit. IV. Jede Kreatur ist ohne weiteres begrenzt, weil ihr thatsächliches Sein, ihr Dasein, an eine Natur gebunden ist, zu der es bethätigend hinzutritt. Damit ist aber nicht gesagt, als ob nicht nach einer gewissen Seite hin eine Kreatur unbegrenzt sein könne. In den stofflichen Kreaturen findet sich dieses Grenzenlose auf seiten des Stoffes, der von sich aus ohne Ende vielen Formen unterliegen kann; und das Bestimmende, Begrenzende ist auf seiten der bildenden Wesensform. In den stofflosen Kreaturen ist das Begrenzende ihr thatsächliches Sein; und unbegrenzt sind sie, insofern ihre Form in nichts Anderem ist, also von keinem Stoffe ihr Einzelsein erhält. So würden wir z. B. sagen, das „Weiße“, wenn es als Farbe allein für sich bestände, sei unbegrenzt, insoweit es weiße Farbe ist, weil es in keinem Subjekte seine Grenzen findet, weder in einer Mauer, noch in einem Kleide, noch irgendwo sonst; dieses selbe „Weiße“ sei aber begrenzt, weil es keine andere Natur hat als die, weiß zu sein. Und deshalb sagt der liber de causis, die rein vernünftige Substanz sei geendet nach oben hin, insoweit sie thatsächliches Sein erhält vom Höheren her; sie sei aber endlos nach unten hin, insoweit sie in keinem Stoffe sich findet.
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