Zweiter Artikel. Gemäß der Auffassung der Vernunft ist „Sein“ früher, als das „Gute“.
a) I. Gegen diese Behauptung scheint Dionysius zu sein, welcher (de div. nom. cap. 5.) unter den Namen Gottes den Namen „der Gute“ früher setzt als den des „Seienden“. Den Namen aber wird die Stelle angewiesen gemäß der Auffassung. Also faßt die Vernunft zuerst das „Gute“ auf und dann das „Sein“. II. Jenes ist gemäß der Auffassung der Vernunft früher, was auf einen weiteren Umfang sich erstreckt. Das „Gute“ aber erstreckt sich auf einen weiteren Umfang als das „Sein“. Denn „es erstreckt sich“ nach Dionysius (I. c.) „auf Seiendes und Nichtseiendes“. Also wird das „Gute“ früher aufgefaßt als das „Sein“. III. Nicht nur „Sein“ ist begehrenswert, sondern auch „Leben“, „Weise sein“ etc. Also scheint das Gute das Allgemeinere zu sein und das Sein nur eine einzelne Gattung in der gemeinsamen Art „Gut“. Das Allgemeinere ist aber für die Vernunft früher und bekannter, als das mehr Besondere. Zudem ist auch das Nichtsein manchmal begehrenswert. (Matth. 26, 24.) Auf der anderen Seite sagt der lib. de causis (prop. IV.): „Das Erste im Geschaffenen ist das Sein.“
b) Ich antworte, daß „Sein“ der Auffassung der Vernunft nach früher ist als das „Gute“. Was nämlich für einen Seinsgrund der Name bezeichnet, das ist nichts anderes, als was die Vernunft von der Sache auffaßt und durch die Stimme ausdrückt. Das also ist dem objektiven Seinsgrunde nach früher, was früher in der Auffassung der Vernunft ist. Früher aber ist in der Auffassung der Vernunft das „Sein“, denn insofern ist jegliches Ding erkennbar (9. Metaph.), als es thatsächliches Sein hat. Daher ist „Sein“ der eigenste Gegenstand der Vernunft und ist das Ersterkennbare, auf Gründ dessen erst Anderes erkennbar ist; wie etwa der Ton das Ersthörbare ist oder wie zuerst die Farbe sichtbar ist und auf Grund derselben nur der Körper. So also ist dem objektiven Seinsgrunde nach und demgeäß in der Auffassung der Vernunft früher das „Sein“ als das „Gute“.
c) I. Die Stelle aus Dionysius erklärt sich daraus, daß dieser heilige Vater die göttlichen Namen auseinandersetzt, insofern sie Gott betreffen als wirkliche Ursache des Seins. „Wir nennen Gott,“ sagt er selber, „gemäß den Kreaturen; wie wir die Ursache aus den Wirkungen heraus mit Namen belegen.“ Das „Gute“ aber, da seinen inneren formalen Seinsgrund der Charakter des Begehrenswerten bildet, trägt in sich den Grund für die Zweckursache. Nun handelt aber der Wirkende immer nach einem Zwecke; und erst von dem Wirkenden hängt ab die Verbindung des Stoffes mit der Form, also die Bildung des Wesens. Sonach ist im Verursachen der Zweck die erste Ursache, die Einwirkung des Verursachenden die zweite und dann folgt erst die Form oder das Wesen in der Wirkung, welches aber dann von der Vernunft, sobald einmal die Wirkung existiert, gemäß dem thatsächlichen Sein der Existenz zuerst aufgefaßt wird. Deshalb also setzt Dionysius unter den Namen, welche die göttliche Ursächlichkeit bezeichnen, an erster Stelle den des „Guten“; denn der Zweck ist für den Verursachenden das Erstbewegende. Zudem kann noch gesagt werden, daß nach den Platonikern (cf. „Natur, Vernunft, Gott“, Kap. 3, §. 2), welche im Urstoffe nicht unterschieden zwischen dem Mangel an jeder Form, also der Privation — und dem positiven Vermögen, etwas zu werden, und die somit den Urstoff als „Nichtsein“ bezeichneten, die Mitteilung des „Guten“ sich weiter erstreckt als das „Sein“; denn dieser Urstoff, materia prima, nimmt am „Guten“ teil, aber nicht am Sein. II. Daraus ergiebt sich zugleich die Antwort auf den zweiten Einwand. Oder es kann gesagt werden, daß das „Gute“ sich weiter erstreckt als das „Sein“; nicht zwar in der Aussage (um die allein es sich hier handelt, denn es wird gefragt, was in der Auffassung der Vernunftt die ja bestehende Dinge zunächst zum Gegenstande hat, früher ist: das „Gute“ oder das „Sein“); sondern in der Verursachung. Wir müssen dann aber unter dem Nichtseienden nicht das verstehen, was in keiner Weise Sein hat, sondern was nur im Zustande des reinen Vermögens ist. Denn das Gute fällt mit dem inneren Grunde des Zweckes zusammen; zum Zwecke aber hingeordnet ist nicht nur das Existierende, sondern auch die Potenz dafür. Das Sein aber ist nur innerer Grund für die Existenz der Wesensform, sei es im Wesen selber, sei es in den Exemplarideen. III. „Nichtsein“ ist nicht an und für sich begehrenswert, sondern höchstens, insofern es als Entfernung eines Übels gedeutet wird. Das „Nichtsein“ wird also dann nur nebenbei begehrt; was wahrhaft und direkt begehrt wird, ist das Sein, dessen das vorhandene Übel beraubt. Ebenso wird Leben, Weisheit etc. begehrt, insoweit dies ein thatsächliches Sein hat; also ist immer ein gewisses Sein Gegenstand des Begehrens und mithin gut. Und fomit ist nichts gut als das Sein.
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