Neunundsiebzigstes Kapitel. Über das Vernunftvermögen im allgemeinen. Überleitung.
„Und sie sandte ihre Mägde aus, daß sie einlüden, man solle zur Königsburg kommen.“ (Prov. 9, 3.) Wie eine Herrscherin thront die Seele ihren Wesen nach in der menschlichen Natur. Unbeweglich, unverrückbar in sich selbst erwartet sie von ihren Mägden, nämlich den Vermögen, daß sie ihr die Außenwelt zuführen, damit sie durch Vermittlung der letzteren Gott erkenne, in Gott sich freue und so wieder selbst die Vollkommenheit und Vollendung werde für die Außendinge. Und wie geschäftig nach allen Seiten hin bedienen diese Vermögen ihre Herrin, von der sie selbst wieder Sein haben! Da sind die niedrigsten Kräfte der Seele, die einfach den rein stofflichen Verrichtungen dienen. Sie nähren den Körper, befördern sein Wachstum, erhalten durch die Fortpflanzung die Dauer der Gattung. Und zu ihrer Verwendung stehen wieder noch tiefere Kräfte da, wie die anziehende, abstoßende, erhaltende, alles Schädliche abweisende, die austeilende, abwägende Kraft; das Feuchte und Trockene, Bittere und Süße, Warme und Kalte. Dann folgen die Kräfte des Empfindens und des Begehrens: die fünf äußeren Sinne, womit die Seele alles Sichtbare, Hörbare, Duftende, Schmackhafte, Fühlbare erreicht; die inneren Sinne, welche in den Auffassungen der äußeren Sinne unterscheiden können ihr tieferes verborgenes, wenn auch beschränktes Sein, das Nützliche und Schädliche, das Vergangene und Gegenwärtige und zudem all diese Eindrücke, die so schnell in ihrem natürlichen Sein wechseln, festhalten zum Besten der Seele. Und endlich stehen zu Diensten die erhabenen Vermögen der Vernunft und des Willens, welche unmittelbar auf die Wahrnehmung der Spuren des Schöpfers als der allgemeinen Ursache gerichtet sind. Ein Königreich umgiebt die Herrscherin. Die niedrigeren Kräfte arbeiten und gehorchen, die höheren leiten und befehlen. Wie der Handwerker- und Bauernstand gewissermaßen stehen die Nährkräfte da. Sowie der Bauer und Handwerker dem Staate ein Fundament und eine Grundfeste sind, die durch unermüdlichen Fleiß dafür sorgen, daß das Königreich Lebensmittel und die sonstige Notdurft im Überflusse habe, ebenso arbeiten die Nährkräfte der Seele, daß der Leib als Instrument der Erkenntnis für die Seele tüchtig werde und bleibe und immer den Anforderungen genüge, welche die Aufgabe der Seele an ihn stellen. Und wie die Soldaten das Reich beschützen und verteidigen, die Beamten es verwalten nach der Meinung des Königs, wie die Boten die gehörigen Nachrichten von einem Ende des Reiches zum anderen tragen, so stehen die sinnlichen Kräfte da. An der Spitze aber stehen die hohen Obrigkeiten des ganzen Reiches, welche ja in je ihrem Zweige über das ganze Reich wachen und sowohl die Soldaten wie die Bauern und Handwerker zum Besten des Ganzen und zum Ruhme des Königs leiten. „Die Vermögen sind wegen der Seele da,“ hatte oben Thomas gesagt. Hier aber geht er weiter. „Die Organe und was dazu dient, sie mit den äußeren Gegenständen zu verbinden, sind wegen der Vermögen und wegen deren Thätigkeit da.“ Der Körper mit seinem wundersamen Gliederbau ist bis in die genaueste Einzelheit hinein so und nicht anders gemacht wegen der Seele, damit er deren Wohle diene. Der menschliche Körper aber ist nichts wie ein Abriß gleichsam der ganzen großen Welt, in welcher alle Teile der Welt wiederkehren, feiner, vollkommener wie sie außen sind; damit sie der Seele als ihrer Herrscherin nahe kommen. So steht die Seele vor uns als Königin in der sichtbaren Natur, der da alle sichtbaren Dinge zu dienen haben. Von ihr heißt es mit Recht: „Sie sandte aus ihre Mägde, damit sie zur Königsburg einlüden.“ Die Kreaturen sind nur deshalb außen im eigenen Sein, daß sie vermittelst der Vermögen der Seele hineinkommen in die Seele und da ihre Ruhe finden. Jegliches Vermögen streift von den sichtbaren Kreaturen etwas Unvollkommenes ab und läßt je nach seiner Stufe die sichtbare Welt im Hochzeitskleide erscheinen für die Verbindung mit der Seele. Die Nährvermögen zerstören allerdings das Einzel-, das selbständige Wirklichsein des Stoffes. Aber dafür erhält der Stoff in der Seele selbst und dem mit ihr verbundenen Körper eine höhere Wirklichkeit, ein höheres Einzelsein, was bereits den Grund für die Bewegung und Veränderung nicht mehr außerhalb seiner selbst, sondern in sich hat. Die Sinnesvermögen stehen schon höher. Thomas setzt dies sehr sorgsam auseinander. Es beginnt bereits das Hochzeitskleid der Kreaturen, die Verbindung mit der Seele und durch die Seele miteinander in unauflöslicher Liebe, sich glänzender und reiner zu zeigen. Es giebt zwar da auch immer eine natürliche Veränderung, wenn auch nur wie im Sehen ganz nebenbei. Das Einzelsein des Gegenstandes leidet darunter und ebenso das Einzelsem des Sinnesorganes; es vergeht etwas da im Stoffe und es entsteht etwas. Aber mit jedem sinnlichen Eindrucke ist doch auch eine „geistige“ Form verbunden. Und was anderes nennt hier Thomas „geistige“ Form als das vom einzeln Stofflichen losgelöste Vermögen, welches außen das entsprechende Wirkliche als innerer maßgebender Grund trägt und innen den Sinn zur Thätigkeit heranbildet und formt. Wodurch außen der einzelne Körper sichtbar ist; dadurch sieht auch das Auge. Das Einzelne bleibt voll und ganz seiner Substanz nach Einzelnes. Aber die Vermögen des Sichtbaren, des Hörbaren u. s. w. sind nun, im Bereiche des Sinnlichen, nicht allein außen formend und geben da außen den inneren Grund ab, daß das Einzelne eine demgemäße Wirklichkeit hat; sondern sie sind auch im Sinnesorgane insoweit losgelöst von ihrer eigenen einzelnen Wirklichkeit, bethätigend und maßgebend für den Sinnesakt. So beginnt bereits hier auf Erden dieses heilige Fest innigster Verbindung, von dem der Psalmist singt: „Die Überbleibsel der Gedanken werden dir einen Festtag feiern.“ Dasselbe beschränkte Vermögen außen im Sein, dasselbe innen im Sinn, unauflöslicher Träger des Einzelseins außen und des Sinnenaktes, Quelle hellstrahlender Ähnlichkeit zwischen beiden. Zugleich aber beginnt hier sich zu offenbaren, wie das Einzelsein an sich mehr Nichtsein ist als Sein. Es schließt den Grund dafür, daß es so ist und nicht anders, nicht in ausreichender Weise in sich. Der Sinn schon beginnt das einzelne Wirklichsein ohne Schwierigkeit anders zu leiten, wie die eigene Natur dieser selben Einzelheiten es thut. Und er leitet es so, daß es nur mehr und mehr sein Nichts abstreift und höheren Zwecken, einer mehr harmonischen Einheit dient. Nicht vom Winde mehr wird die einzelne Wirklichkeit wie ein loses Blatt umhergeworfei, sondern sie dient der Seele, der Königin dieser sichtbaren Welt, bereits unter der Leitung der Sinne. Und nun kommt „die Tochter des Fürsten, die so schön und stolz daher schreitet in ihrem Ausgange“. Die Vernunft zeigt erst die ganze Pracht des Hochzeitskleides der sichtbaren Natur. Alle Vermögen werden da ein einiges Vermögen. Alles ist; alles erscheint in der Vernunft mit seinem Vermögen zu sein. Wer allein kann hier den Grund abgeben für die Leitung des Einzelnen zu höherer, zu höchster Wirklichkeit? Hier tritt das Einzelne, Wirkliche als solches ganz zurück. Gar keine natürliche Änderung macht sich geltend in der Vernunft; da ist nur geistige, vom Wirklichen ganz losgelöste Form. Das Einzelne außen bleibt durchaus, was es ist oder was es nicht ist. Es leidet nicht im mindesten unter dem vernünftigen Erkanntwerden. Von da her giebt es also keine sichtbare Wirklichkeit, die in der Vernunft unmittelbar bestimmend wirken könnte. In der Vernunft selber ist nur immer wieder Vermögen. Es wirkt nämlich inmitten der geistigen Vernunft die reinste und erhabenste Wirklichkeit, die zugleich im höchsten Sinne allgemein und im höchsten Sinne wirklich und einzeln ist. Sie bestimmt vermittelst der Vernunft die sichtbare Natur. Gott leitet von da aus die einzelne Wirklichkeit des Stoffes ohne Hindernis gemäß dem höchsten Grunde, gemäß dem allein voll ausreichenden Grunde: nach seinem eigensten heiligsten Willen. Es wird nun jene Hochzeit der Schöpfung mit Gott in der Seele gefeiert, welche das Urbild aller Verbindung, aller Fruchtbarkeit, aller Einheit ist. Zu ihr ruft die Seele die sichtbaren Kreaturen, wenn sie ihre „Mägde“, ihre Vermögen, „aussendet, damit sie einladen, zur Herrscherburg zu kommen“.
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