Dreizehnter Artikel. Das Gewissen ist kein Vermögen.
a) Das Gewissen scheint ein eigenes Vermögen zu sein. Denn: I. Origenes sagt (super Rom. 2. Reddente illis): „Das Gewissen ist ein Geist, der bessert, und ein der Seele als Gesellschaft beigegebener Erzieher, wodurch sie vom Bösen getrennt wird und dem Guten anhängt.“ Der Geist aber in der Seele drückt ein Vermögen aus oder auch die Vernunft selber; nach Ephes. 4, 23.: „Erneuert euch im Geiste euerer Vernunft.“ Oder es ist dieser Geist die Einbildungskraft, wonach ein Gesicht, dessen Gegenstand in der Einbildungskraft ist, ein „geistiges“ genannt wird wie Augustin schreibt. (12. sup. Gen. ad litt. cap. 6 et 7.) Also ist das Gewissen ein Vermögen. II. Träger oder Subjekt für die Sünde kann nur ein Vermögen der Seele sein. Das Gewissen aber ist Träger der Sünde; denn Tit. 1, 15. heißt es: „Befleckt sind ihre Vernunft und ihr Gewissen.“ III. Das Gewissen ist entweder Thätigkeit oder Zustand oder Vermögen. Es ist aber keine Thätigkeit; denn sonst würde es nicht immer im Menschen bleiben. Es ist kein Zustand; denn sonst gäbe es viele Gewissen, da wir durch viele zum Erkennen hin gerichtete Zustände in unserem Wirken geleitet werden. Also ist das Gewissen ein Vermögen. Auf der anderen Seite kann man sein Gewissen ablegen; was bei einem Vermögen nicht geschehen kann.
b) Ich antworte, daß das Gewissen im eigentlichsten Sinne Akt oder Thätigkeit ist. Das geht sowohl schon aus dem Namen hervor als auch aus all den verschiedenen Dingen, welche nach gemeinsamer Redeweise dem Gewissen zugeschrieben werden. Gewissen nämlich heißt ebensoviel als Gegenwissen, gegenwärtiges Wissen, gegenüberstehendes Wissen. Das Wissen wird aber gegenwärtig vermittelst eines Aktes oder einer Thätigkeit. Zugeschrieben zudem wird dem Gewissen, daß es bezeuge, binde, antreibe, anklage, tadle, Bisse verursache. Dies alles bedeutet eine Anwendung irgend welcher Kenntnis oder Wissenschaft in uns auf das, was wir thun. Diese Anwendung vollzieht sich nun in dreifacher Weise. Einmal je nach dem wir erkennen, etwas gethan oder nicht gethan zu haben, wie Ekkli. 7, 23: „Dein Gewissen weiß, daß du anderen häufig geflucht hast;“ danach heißt es vom Gewissen, es bezeuge; — dann, je nachdem wir urteilen, daß etwas zu thun oder nicht zu thun sei; danach wird gesagt, das Gewissen binde oder treibe an; — endlich, je nachdem wir durch das Gewissen urteilen, daß etwas Gethanes gut gethan oder schlecht sei; danach entschuldigt das Gewissen oder es klagt an und beißt. Alles dies also bedeutet eine thatsächliche Anwendung dessen was wir wissen, auf das was wir thun; und deshalb will das Gewissen im eigentlichen Sinne Thätigkeit, Akt bedeuten. Weil aber der Zustand ein Princip der Thätigkeit ist; deshalb wird der Name „Gewissen“ manchmal dem ersten von der Natur eingeprägten Zustande, der auf das Wirken gerichtet ist, dem Bewußtsein nämlich oder der Synderesis, beigelegt, wie Hieronymus sup. Ez. 1. das Bewußtsein Gewissen nennt; und Basilius (hom. in princ. Prov.) das Gewissen als den „natürlichen Richterstuhl“ bezeichnet; und Damascenus als „das Gesetz unserer Vernunft“. (4. de fide orth. 23.) Denn es ist dies etwas Gewöhnliches, daß die Ursachen von den Wirkungen und die Wirkungen von den Ursachen her benannt werden.
c) I. Das Gewissen heißt „Geist“, insoweit „Geist“ anstatt „Vernunft“ steht; denn das Gewissen ist ein Gebot der Vernunft. II. „Befleckt sein“ wud vom Gewissen ausgesagt; nicht als ob letzteres der Träger und das Subjekt der Sünde wäre, sondern wie das Erkannte im Erlennenden ist, insoweit nämlich jemand weiß, er sei befleckt. III. Die Thätigkeit oder der Akt bleibt nicht immer in sich selber; aber er bleibt in seiner Ursache, nämlich dem Vermögen oder dem Zustande. Obwohl es nun viele Zustände giebt, von denen aus das Gewissen geformt wird, so haben sie doch ihren Wert und ihre Wirksamkeit nur von einem ersten Princip, dem Zustande der Natur-Grundsätze, der Synderesis; weshalb auch die letztere oft Gewissen heißt.
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