Zweiter Artikel. Das sinnliche Begehren scheidet sich in zwei Vermögen: in, die Begierde, um zu haben, und in die Abwehr, um zu behalten.
a) Dies scheint falsch. Denn: I. Ein und dasselbe Vermögen hat zum Gegenstande die beiden Glieder des betreffenden Gegensatzes; wie das Auge als seinen Gegenstand das Schwarze und Weiße in der Farbe. Das Zukömmliche zu haben aber und das Schädliche abzuwehren sind die beiden Glieder eines Gegensatzes; nämlich des Gegensatzes „zukömmlich“ und „unzukömmlich“. Also besteht da nur ein Vermögen. II. Das sinnliche Begehren richtet sich nur auf das den Sinnen Zukömmliche. Das aber ist der Gegenstand der Begierde. Also giebt es kein anderes Vermögen im begehrenden Teile wie dieses. III. Hieronymus sagt zu Matth. 13.: Simile . . . fermento. „Daß wir im abwehrenden Vermögen den Haß aller Laster besäßen.“ Der Haß also ist nach ihm im abwehrenden Vermögen. Nun gehört aber der Haß als Gegensatz zur Liebe zur Begierde. Also sind beide nur ein Vermögen. Auf der anderen Seite stellen Gregor von Nissa und Damascenus (2. de fide orth. 22.) diese beiden Kräfte auf: die abwehrende und die begehrende.
b) Ich antworte, daß das sinnliche Begehren als gemeinsame „Art“ sich in zwei Vermögen teilt: das abwehrende und das begehrende. Um dies klarzustellen, muß man berücksichtigen, daß in den rein natürlichen Dingen nicht nur eine Hinneigung sein muß, um das Zukömmliche zu erlangen und das Schädliche zu vermeiden; sondern auch eine Kraft, um verderbende Gegeneinflüsse abzuwehren, welche ein Hindernis sind für die Erreichung des Zukömmlichen und die den Eintritt des Schädlichen befördern. So hat z. B. das Feuer nicht nur eine Hinneigung, um den tieferen Ort zu vermeiden, der ihm nicht zukömmt, und den Ort in der Höhe zu gewinnen, der ihm zukömmt; sondern es besitzt auch die Kraft, die es verderbenden und hindernden Einflüsse abzuwehren und ihnen zu widerstehen. Weil nun also das sinnliche Begehren eine Hinneigung ist, welche dem Auffassen der Sinne entspricht, wie das mit der Natur selber gegebene Begehren eine Hinneigung ist, welche der natürlichen Wesensform angepaßt erscheint, so muß es auch zwei Vermögen im Begehren des sinnlichen Teiles geben. Vermittelst des einen hat die Seele von vornherein die Hinneigung, das zu verfolgen, was ihr dem Sinne nach zukömmlich ist, und das zu fliehen, was ihr schädlich erscheint; — und dieses nennt man das „begehrende Vermögen“. Durch das andere widersteht sie den widerstreitenden Einflüssen, welche das Zukömmliche hindern und das Schädliche befördern; — und das ist das „abwehrende Vermögen“. Der Gegenstand des letzteren ist das schwer zu Erreichende; denn die Seele will den verderbenden Einflüssen widerstehen und über sie hervorragen. Diese beiden Vermögen oder Hinneigungen aber lassen sich nicht auf ein Princip zurückführen. Denn bisweilen richtet die Seele ihre Kraft auf Trauriges und Schmerzliches gegen die Neigung des begehrenden Vermögens; damit sie nämlich die Gegeneinflüsse abwehre; — weshalb die Neigungen oder sinnlichen Bewegungen der abwehrenden Kraft denen der begehrenden gegenüberzustehen scheinen. Denn die entflammte Begierde mindert den Zorn; und der entflammte Zorn mindert gemeinhin die Kraft der Begierde. Die Abwehrkraft oder irascibilis ist deshalb offenbar die Vorkämpferin und Verteidigerin der Begier; denn sie erhebt sich gegen das, was der Begier hinderlich gegenübertritt und das ihr Schädliche befördert. Und darum haben alle Leidenschaften oder Neigungen der Abwehrkraft ihren Beginn in denen der Begehrkraft und finden auch dort ihren Abschluß. So sind auch die Kämpfe der tierischen Wesen um des Gegenstandes der Begehrkraft willen; nämlich wegen der Befriedigung der Eß- und der Begattungslust.
c) I. Die Begehrkraft richtet sich auf Zukömmliches und Schädliches; die Abwehrkraft aber auf den Widerstand gegen die entgegentretenden Hindernisse. II. Wie in den auffassenden Sinnenvermögen der Seele etwas ist, welches das erfaßt, was die äußeren Sinne nicht beeinflußt und in ihrer Thätigkeit verändert: die Schätzungskraft nämlich oder der Instinkt; so besteht im Begehren des sinnlichen Teiles ein auf dasjenige Unzukömmliche gerichtetes Vermögen, was zwar nichts Zukömmliches ist für die Ergötzung der äußeren Sinne, wohl aber dem ganzen beseelten sinnlichen Wesen zu seiner Verteidigung dient; — das ist die Abwehrkraft. III. Der Haß gehört der Begehrkraft an; nur insofern er den Kampf bedingt und mit sich bringt, kann er der Abwehrtraft zugehören.
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