Dritter Artikel. Der Engel ist in höherem Grade nach dem Bilde Gottes wie der Mensch.
a) Dem steht entgegen: I. Augustin, der (sermo de imagine) da schreibt: „Keiner anderen Kreatur hat Gott es gegeben, daß sie nach seinem Bilde sei, wie dem Menschen.“ II. Nach demselben Augustin (83. Qq. 51.) „ist der Mensch in der Weise nach dem Bilde Gottes, daß er ohne Vermittlung einer anderen Kreatur von Gott geformt wird; und deshalb ist er mit Gott wie nichts Anderes verbunden“. „Bild Gottes“ aber wird eine Kreatur genannt, insofern sie mit Gott verbunden ist. Also ist der Engel ein Bild Gottes nicht in höherem Grade wie der Mensch. III. Als vernünftige Natur wird ein Geschöpf „nach dem Bilde Gottes“ genannt. Die vernünftige Natur läßt aber an und für sich kein Mehr oder Minder zu. Sie ist vernünftig oder ist es nicht; sie ist nicht mehr oder minder vernünftig. Auf der anderen Seite sagt Gregor der Große (34. in Evang.): „Der Engel wird das Siegel der Ähnlichkeit genannt, weil in ihm die Ähnlichkeit des göttlichen Bildnisses ausdrücklicher eingeprägt ist.“
b) Ich antworte, daß wir zuvörderst vom Bilde Gottes sprechen können, insoweit die vernünftige Natur in Betracht kommt; — und so ist in höherem Grade das Bild Gottes im Engel wie im Menschen; denn im Engel ist die vernünftige Natur vollkommener. Dann können wir das Bild Gottes betrachten, insoweit im Menschen eine Ähnlichkeit mit Gott besteht, die der Engel nicht hat. So ist der Mensch vom Menschen; ähnlich wie Gott von Gott. Und die Seele des Menschen ist ganz in jedem Teile seines Körpers und ganz im ganzen Körper; wie Gott sich verhält zur Welt. Danach also und nach Ähnlichem ist das Bild Gottes mehr im Menschen wie im Engel. Nach den letztgenannten Ähnlichkeiten aber wird nicht an und für sich die Natur des Bildes berücksichtigt; sondern nur die erste Ähnlichkeit, die in der vernünftigen Natur vorausgesetzt wird, kommt da in Betracht, insofern ja sonst auch die Tiere das Bild Gottes tragen würden. Und deshalb ist der Engel an und für sich ohne weitere Bedingung mehr nach dem Bilde Gottes wie der Mensch.
c) I. Augustin spricht nicht von den Engeln, sondern von den vernunftlosen Kreaturen. II. Wie das Feuer unter den Körpern als der feinste und durchdringendste bezeichnet wird gemäß der Gattung, ohne damit auszuschließen, daß das eine einzelne Feuer feiner und durchdringender sei wie das andere; so wird auch gesagt, Gott stehe keine Natur so nahe wie der menschliche Geist, nämlich gemäß seiner Seins„art“, gemäß der vernünftigen Natur. Denn derselbe Augustin hatte auch vorher gesagt: „Jene Wesen, welche vernünftig erkennen, sind Gott in der Ähnlichkeit am nächsten; so daß in den Kreaturen nichts Ihm näher steht.“ Dadurch wird also nicht ausgeschlossen, daß innerhalb der vernünftigen Natur in höherem Grade der Engel nach Gottes Bilde sei. III. Wenn gesagt wird, daß die Substanz kein Mehr oder Minder zuläßt, so wird darunter nicht verstanden, daß die eine Gattung der nämlichen Substanz nicht vollkommener sei wie die andere; sondern daß ein und dasselbe Einzelwesen nicht das eine Mal mehr an seiner Gattung Anteil hat und das andere Mal weniger; und ebenso daß die verschiedenen Einzeldinge in ein und derselben Gattung nicht in mehr oder minder hohem Grade an ihrem Gattungssein Anteil haben. Der höchstbegabte Mensch ist eben ganz und gar, nicht mehr oder minder wirklicher Mensch wie jeder andere.
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