Sechster Artikel. Gott leitet die Dinge nicht unmittelbar, sondern die einen durch die anderen.
a) Gott scheint Alles unmittelbar zu leiten. Denn: I. Gregor von Nyssa (8. de prov. cap. 3.) tadelt die Meinung Platos, der die Vorsehung in drei Teile teilte: Die erste gehöre dem höchsten Gotte an, welcher für den Himmel, die Sterne etc. und für die allgemeinen Ursachen überhaupt vorsorgt; die zweite sei den Untergöttern eigen, welche um die Himmelskörper herum sind und für alles Vergängliche vorsorgen; die dritte käme gewissen Dämonen zu, welche auf Erden in der irdischen Luft wohnend die menschlichen Handlungen bewachen. Also wird nicht das eine durch das andere geleitet, sondern Alles unmittelbar von Gott. II. Gott kann für Sich allein Allem vorsehen. Besser aber ist es, daß etwas durch einen geschieht wie durch mehrere, (8 Physic.) III In Gott besteht kein Mangel. Es gehört dies aber dem Mangel an im Regierenden, wenn er nicht für sich genügen kann, um Alles selber zu thun, sondern verschiedener Mittelpersonen bedarf. Auf der anderen Seite sagt Augustin (3. de Trin. 4.): „Wie die gröberen und niedrigeren Körper beeinflußt und geleitet werden durch feinere und höhere, so werden alle Körper bestimmt und bewegt durch den vernünftigen Lebensgeist; der gefallene sündige Geist vernünftigen Lebens durch den frommen und gerechten, dieser aber durch Gott.“
b) Ich antworte, in der Weltregierung seien zwei Dinge zu unterscheiden: der leitende Grund für selbe, d. h. die Vorsehung; und die Ausführung. Mit Rücksicht auf das Erste leitet Gott unmittelbar die Welt; mit Rücksicht auf das Zweite durch Mittelwesen. Der Grund davon ist, daß, da Gott das Wesen aller Güte ist. Jegliches Gott zugeschrieben werden muß, soweit es am besten oder im höchsten Grade seiner Güte ist. Das Beste aber oder der höchste Grad in der Vernunft und in der praktischen Kenntnis (wie eine solche der leitende Grund für jedes Regieren ist) besteht darin, daß die Einzelheiten gekannt werden, in denen die betreffende Thätigkeit sich findet; wie z. B. der beste Arzt nicht nur die Krankheiten im allgemeinen kennt, sondern alle, auch die geringsten einzelnen Umstände derselben. Sonach muß man sagen, daß Gott auch für die geringsten einzelnen besonderen Kreaturen den leitenden Grund, um sie zu lenken, in Sich hat. Da aber nun die regierten Dinge zur Vollendung zu führen sind, so wird die Leitung um so vollkommener sein, je mehr Vollendung den Dingen vom Regierenden mitgeteilt wird. Eine höhere Vollendung aber ist es, wenn etwas in sich selber gut und zugleich für andere Dinge ein Grund der Vollendung oder Güte ist, als wenn es nur in sich gut wäre. Und deshalb hat Gott die Dinge so eingerichtet, daß manche die Ursache der Vollendung für die anderen sind; wie z. B. wenn ein Lehrer seine Schüler nicht nur dahin bringt, daß sie selbst etwas wissen, sondern daß sie auch anderen es lehren.
c) I. Plato irrte darin daß er meinte, auch der Grund für die Leitung aller Dinge sei nicht in Gott; und daß so Gott nicht nur nicht mit Rücksicht auf die Ausführung, sondern auch mit Rücksicht auf den Grund nicht Alles unmittelbar leite; vielmehr es drei Abteilungen gebe. II. Würde Gott schlechthin allein leiten, so wäre den Dingen die Vollkommenheit entzogen, Grund für andere Dinge zu sein. III. Es ist nicht allein eine Unvollkommenheit oder ein Mangel in einem irdischen Könige, daß er Diener hat, die seinen Willen ausführen (weil er nämlich nicht überall selbst sein kann); — sondern dies ist auch ein Zeichen seiner königlichen Würde; denn die Zahl und Bedeutung seiner Diener offenbart seine eigene Macht.
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