Siebenter Artikel. Nichts kann geschehen außerhalb der von Gott gesetzten Ordnung in der Weltleitung.
a) Dagegen spricht die Stelle bei I. Boëtius (3. de oonsol. prosa 12.): „Gott leitet Alles durch das Gute.“ Also wäre kein Übel in den Dingen, wenn außerhalb der von Gott gegebenen Ordnung nichts geschähe. II. Was gemäß der Anordnung eines Regierenden geschieht, ist nicht zufällig. Also wäre nach der vorgeschlagenen Annahme kein Zufall. III. Die Ordnung der göttlichen Regierung ist unveränderlich. Geschieht also Alles gemäß derselben, so besteht nur Notwendiges; und freies Wirken ist unmöglich. Auf der anderen Seite heißt es Esther 13, 9.: „Herr, unser Gott, allmächtiger König, Deiner Herrschaft ist Alles unterthan und Nichts kann widerstehen Deinem Willen.“
b) Ich antworte, es könne wohl etwas geschehen, was außerhalb des ursächlichen Bereiches einer beschränkten Ursache steht; außerhalb des Bereiches jener Ursache aber, von der alles Sein kommt, kann nichts geschehen. Der Grund davon ist: Außerhalb des Bereiches einer beschränkten Ursache geschieht nur dann etwas, wenn letztere durch eine andere Ursache gehindert wird; und diese letztere muß man wieder auf die allgemeine Ursache zurückführen, ohne welche nichts geschehen kann. So trifft es sich, daß man nicht verdaut. Dies kommt vor außerhalb des Bereiches der nächsten beschränkten Ursache, nämlich der Nährkraft in uns, welche gehindert wird in ihrer Thätigkeit durch eine andere Ursache, z. B. die zu große Dichtigkeit der Speise. Diese letztere Ursache aber muß man auf eine andere zurückführen und diese wieder auf eine andere und so bis zur allgemeinen Ursache alles Seins. Da also Gott die erste allgemeine Ursache alles Seins ist, so kann seiner verursachenden Kraft unmöglich sich etwas entziehen. Vielmehr muß eben dann, wenn etwas dem Bereiche einer beschränkten Ursächlichkeit sich entzieht, dies auf die allgemeine Ursache zurückgeführt werden vermittelst einer anderen weniger beschränkten Ursächlichkeit.
c) I. Nichts in der Welt ist durch und durch schlecht oder ein Übel; vielmehr hat jedes Übel zur Grundlage, der es anhaftet, immer etwas Gutes. Ein Ding wird also Übel oder schlecht genannt, je nachdem es sich vom Bereiche eines beschränkten Gutes entfernt. Würde es ganz und gar außerhalb des Bereiches der ersten allgemeinen Ursache sein, so wäre es eben Nichts. II. „Zufällig“ wird etwas genannt, soweit es dem Bereiche einer besonderen beschränkten Ursache sich entzieht. Mit Rücksicht auf die göttliche Vorsehung giebt es keinen Zufall, wie Augustin sagt. (83. Qq. 24.) III. Einzelne Wirkungen sind frei mit Rücksicht auf die nächsten Ursachen, weil sie daraus so hervorgehen, daß sie auch nicht hervorgehen können. Deshalb aber ergiebt sich noch nicht, daß etwas geschehen kann außerhalb der Ordnung, welche Gott dem All vorgeschrieben hat. Denn die Thatsache selbst, daß etwas aus seiner nächsten Ursache auch nicht hervorgehen kann, ist in der Ordnung des Ganzen begründet.
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