Erster Artikel. Nicht alle Engel gehören einer einzigen Hierarchie an.
a) Die gegenteilige Behauptung hat folgende Gründe für sich: I. Da die Engel unter den Kreaturen die höchsten sind, so muß ihr Verhältnis zu einander das beste sein. Das beste Verhältnis aber, in welchem die Glieder einer Vielheit zu einander stehen können, ist nach Aristoteles (12 Metapph.; 3 Polit. cap. 11.) dieses, daß sie alle unter einer Herrschaft enthalten sind. Nun ist jedoch die Hierarchie nichts Anderes als eine „heilige Herrschaft“. Also sind alle Engel in einer einzigen Hierarchie enthalten. II. „Die Hierarchie oder heilige Rangordnung ist Ordnung, Wissen und Thätigkeit,“ sagt Dionysius. (3. de coel. hier.) Alle Engel aber kommen darin überein, daß sie zu Gott hingeordnet sind, daß sie Gott kennen und von Ihm in ihren Handlungen geregelt werden. Also giebt es nur eine Engel-Hierarchie. III. Bei den Menschen giebt es auch eine Hierarchie, d. h. eine heilige Herrschaft. Alle Menschen gehören aber zu ein und derselben, nämlich zur Kirche. Also gehören auch alle Engel 'zu ein und derselben Hierarchie. Auf der anderen Seite unterscheidet Dionysius (6. de coel. hier.) drei Engel-Hierarchien.
b) Ich antworte, daß „Hierarchie“ heißen will „heilige Herrschaft“. Im Ausdrucke „Herrschaft“ aber wird zweierlei unterschieden: 1. Der Herrschende oder der Fürst selber, und 2. die unter dem Fürsten geregelte Vielheit. Wird also der „Herrschende“ berücksichtigt, so giebt es überhaupt nur eine Hierarchie, welche nicht nur die Engel, sondern auch die Menschen, also alle vernünftige Kreatur umfaßt, die fähig ist, am „Heiligen“ Anteil zu haben. Denn Gott ist der eine Herr der Engel und der Menschen, wie überhaupt aller Geschöpfe. Demgemäß sagt Augustin (12. de Civ. Dei cap. 1.): „Zwei Staaten giebt es, d. h. zwei Verbrüderungen, die eine besteht aus den Guten: aus Menschen und Engeln; die andere aus den Bösen:.aus Menschen und Engeln.“ Wird aber die „Hierarchie“ betrachtet von seiten der unter dem Fürsten geordneten Vielheit, so besteht eine Einheit insoweit, als die Vielheit in ein und derselben Weise der Regierung des Fürsten untersteht. Die da aber nicht in ein und derselben Weise vom Herrscher regiert werden können, die gehören zu verschiedenen „Hierarchien“ oder Herrschaften; wie ja auch unter ein und demselben Könige verschiedene Staaten sein können, von denen dann ein jeder nach verschiedenen Gesetzen und durch verschiedene Beamte regiert wird. Nun ist es aber offenbar, daß die Menschen in anderer Weise die Erleuchtungen von seiten Gottes in sich aufnehmen wie die Engel. Denn die Engel erfassen sie in ihrer reinen Erkennbarkeit; die Menschen aber unter Figuren und Ähnlichkeiten, die vom sinnlich Wahrnehmbaren hergenommen sind. Zuerst also muß man die menschliche Hierarchie unterscheiden von jener der Engel. Nach derselben Richtschnur aber muß man drei Hierarchien unter den Engeln annehmen. Denn es ist bereits Kap. 55, Art. 3 gesagt worden, als über die Erkenntnis der Engel gehandelt wurde, daß die höheren Engel in einer mehr allgemeinen Art und Weise die Wahrheit erkennen wie die niederen. Diese allgemeine Art und Weise im Erkennen teilt sich nun in drei verschiedene Abstufungen. Denn die Gründe der Dinge, rücksichtlich deren die Engel erleuchtet werden, lassen drei Grade zu. Diese Gründe gehen 1. vom allgemeinen Seinsprincip, nämlich von Gott, aus; — und diese Art und Weise kommt der ersten Hierarchie oder Rangordnung zu, die da unmittelbar von den Seinsgründen erleuchtet wird, wie diese in Gott sind. Sie ist gleichsam in den Vorhöfen Gottes, wie Dionysius (7. de coel. hier.) sagt. Dann hängen 2. die Gründe der Dinge ab von den auf alles Sein sich erstreckenden, allgemeinen geschaffenen Ursachen, die bereits gewissermaßen vielfältig sind; — und gemäß diesen allgemeinen geschaffenen Gründen erkennt die zweite Hierarchie. Endlich werden 3. diese Gründe auf die einzelnen Dinge thatsächlich angewendet; insoweit letztere von den ihnen eigens entsprechenden Ursachen abhängen; — und diese Art und Weise kommt der dritten Hierarchie zu. Doch wird dies noch klarer werden, wenn über die einzelnen Engelchöre gehandelt werden wird. Also werden die drei Hierarchien voneinander unterschieden gemäß der in ihnen enthaltenen Vielheit. Somit irren offenbar jene und sprechen gegen die Meinung des Dionysius, die da behaupten, in den göttlichen Personen bestehe eine Hierarchie, welche sie die „überhimmlische“ nennen. Denn in den göttlichen Personen ist zwar eine Ordnung der Natur, wonach eine Person die göttliche Natur von der anderen hat; aber es besteht da keine Ordnung, wie sie einer Hierarchie eigen ist. Denn diese letztere Ordnung besteht (3. de coel. hier.) darin, daß innerhalb derselben die einen geläutert, erleuchtet, vollendet werden, die anderen aber läutern, erleuchten, vollenden; was fern sei, von den göttlichen Personen zu denken. “
c) I. Der Einwurf geht aus von der Einheit auf seiten des Herrschenden; weil es am meisten zuträglich ist, daß eine Vielheit durch Einen regiert wird. Das wird aber nicht bestritten. II. Soweit die anschauende Kenntnis des göttlichen Wesens in Betracht kommt, das alle Engel auf gleiche Weise, nämlich vermittelst dieses selben Wesens in der Herrlichkeit sehen, werden nicht verschiedene Hierarchien aufgestellt. Letzteres geschieht, soweit die Gründe für die geschaffenen Dinge berücksichtigt werden. III. Alle Menschen kommen in ein und derselben Gattungsform überein und somit gebührt ihnen ein und dieselbe natürliche Art und Weise des Erkennens. Das ist aber bei den Engeln nicht der Fall.
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