Vierter Artikel. Es besteht ein letzter Zweck des menschlichen Lebens.
a) Dementgegen sagt: I. Dionysius (4. de div. nom.): „Seinem Wesen nach trägt es das Gute in sich, sich auszubreiten und mitzuteilen.“ Wenn also was vom Guten ausgeht auch selber ein Gut ist, so ist es seinem Wesen eigentümlich, Gutes mitzuteilen; und so entsteht ein Ausgehen des Guten ins Endlose. Das Gute aber bildet den Wesensgrund des Zweckes; deshalb nämlich wird etwas als Zweck erstrebt, weil es gut ist. Also besteht in den Zwecken ein Ausgehen bis ins Endlose; und somit giebt es keinen letzten Zweck. II. Reine Erzeugnisse der Vernunft können bis ins Endlose vervielfältigt werden, wie ja auch mathematische Größen endlos vermehrt werden; und auch die Gattungen der Zahlen können endlos sein, weil, welche Zahl auch immer gegeben ist, eine andere größere erdacht werden kann. Das Verlangen nach dem Zwecke aber folgt der Auffassung der Vernunft. Also giebt es rücksichtlich der Zwecke ein Vorgehen bis ins Endlose, und kann keinerlei letzter Endzweck bestehen. III. Das Gute und der Zweck ist Gegenstand des Willens. Der Wille aber kann sich zu sich selbst endlos oft wenden. Denn ich kann etwas wollen und dann kann ich wollen, daß ich es will u. s. w. ohne Ende. Auf der anderen Seite sagt Aristoteles (2 Metaph.): „Die da ein Endloses aufstellen, nehmen im selben Grade die Natur des Guten fort.“ Das Gute aber enthält in sich den wesentlichen Grund des Zweckes. Also gegen das Wesen des Zweckes ist, daß man ins Endlose fortschreite; und somit besteht ein letzter Zweck.
b) Ich antworte; es sei von allen Seiten her und auf jede Weise unmöglich, in den Zwecken sich ins Endlose zu verbreiten, sobald vom Zwecke im eigentlichen Sinne die Rede ist. Denn in allen Dingen, in deren Verbindung das folgende vom vorhergehenden abhängig ist, müssen alle folgenden entfernt werden, wenn das erste fortfällt. Deshalb beweist Aristoteles (8 Physic.), es sei in den bewegenden Ursachen kein Vorgehen ohne Ende; denn dann wäre keine erstbewegende und ohne erstbewegende könnten auch die anderen nicht bewegen, die ja nur bewegen, weil sie selbst von der erstbewegenden in Bewegung gesetzt worden. In den Zwecken nun wird eine doppelte Ordnung gefunden; — nämlich die Ordnung, welche von der Absicht ausgeht; und jene, die in der Ausführung zum Vorschein kommt. In jeder von beiden aber muß ein Erstes sein. Denn was an erster Stelle beabsichtigt wird, ist gleichsam das Princip, welches den Willen bewegt; wird also das Princip entfernt, so wird der Wille von nichts bewegt und will somit auch thatsächlich nicht. Princip aber im Bereiche der Ausführung ist Jenes, wovon die wirkliche Thätigkeit ihren Anfang nimmt; wird also dieses Princip entfernt, so würde niemand anfangen, thätig zu sein. Das Princip nun im Bereiche der guten Meinung, also das Erstbeabsichtigte, ist der letzte Zweck; und das Princip in der Ausführung, das erste in der Thätigkeit, bildet den Anfang in dem Zweckdienlichen. So also öffnet sich von keiner Seite her ein Vorgehen ins Endlose. Denn wenn kein letzter Endzweck wäre, so würde nichts gewollt werden; keine Thätigkeit würde ein Ende finden, die Meinung des Handelnden würde in nichts ruhen. Wäre aber nicht ein Erstes in den Dingen, die dem Zwecke dienen, so würde niemand anfangen thätig zu sein und kein Beratschlagen würde zur Thätigkeit führen, sondern ins Endlose sich hinziehen. Wenn indes mehrere Dinge an und für sich keine innere Beziehung zu einander haben, so daß das eine vom anderen nicht abhängig ist, sondern ihre Verbindung als eine rein äußerliche, zufällige dasteht, so kann ganz wohl eine Endlosigkeit eintreten; denn so verbundene Ursachen sind ohne Bestimmtheit, welche von innen her, soweit es die Verbindung anbelangt, bedingt wäre. Und so kann auch in den Zwecken und in dem, was zweckdienlich ist, eine gewisse Endlosigkeit vorliegen; wie wenn ein Schmied, wenn der eine Hammer zerbricht, einen anderen und dann einen dritten nimmt, ohne daß da vom Zwecke her eine besondere Zahl vorgeschrieben wäre.
c) I. Zum Wesen des Guten gehört es, daß etwas von ihm ausfließt; nicht aber daß es selber immer wieder von etwas Anderem ausflösse. Da also das Gute den Charakter des Zweckes trägt und das erste Gute der letzte Zweck ist, so beweist der angegebene Grund nicht, daß es keinen letzten Zweck gebe. Wohl aber beweist er an und für sich, daß von dem Guten oder dem Zwecke, der als erster vorausgesetzt wird, ein Ausgehen ins Endlose sich ergiebt nach unten hin, nämlich nach dem hin, was zweckdienlichist. Und zwar beweist er dies in dem Falle, wenn die Kraft des ersten Gutes allein für sich betrachtet wird, da diese ja unendlich ist. Da jedoch dem ersten Gut eine Ausbreitung zukommt gemäß der Vernunft, der es eigen ist, nach einem bestimmten Grunde sich mitzuteilen dem Verursachten; so besteht in ganz gewissen zuverlässigen Grenzen der Ausfluß der Güter vom ersten Gute, von dem ja alle anderen Güter die Kraft haben, sich auszubreiten und mitzuteilen. Deshalb also vollzieht sich nicht ins Endlose die Mitteilung der Güter, sondern wie es Sap. 11. heißt: „Gott hat Alles eingerichtet in Zahl, Gewicht und Maß.“ II. In den Dingen, welche von innen aus eine geregelte Verbindung haben, so daß das eine von dem anderen abhängt und bedingt wird, geht die Vernunft aus von den Principien, die ihrer Natur nach unmittelbar bekannt sind, und gelangt so zu einem gewissen Abschlüsse. Deshalb beweist Aristoteles (1 Pos.), daß in den Beweisführungen kein Vorgehen ins Endlose ist. Denn in solchen Beweisführungen besteht eine innere Ordnung und Abhängigkeit, wo ein Beweisprincip das andere bedingt und eines vom anderen seine Beweiskraft empfängt; der Schluß aber von allen vorherigen, Grund- und Mittelprincipien abhängt. Besteht aber eine solche innere Verbindung nicht, sondern nur eine zufällige, in äußeren Ursachen begründete, so ist kein Hindernis vorhanden für ein Vorgehen ins Endlose. So ist es nun für den Umfang oder für eine vorher bestehende Zahl, insoweit sie allein in Betracht kommt, rein äußerlich und zufällig, daß zu ihr ein Umfang oder eine Einheit hinzugefügt werde. In solchen Dingen also kann man ins Endlose vorgehen. III. Ebenso ist jene Vervielfältigung der Akte des Willens, der sich zu sich selbst zurückwendet, etwas rein Zufälliges und Äußerliches mit Rücksicht auf die begrenzte Ordnung zwischen Willen und Gegenstand. Das geht schon daraus hervor, daß es ganz gleichgültig ist, wie oft ein und derselbe Willensakt sich zu sich selbst zurückwendet.
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