Fünfter Artikel. Nicht vermittelst seiner natürlichen Kräfte kann der Mensch die Seligkeit erreichen.
a) Das Gegenteil scheinen folgende Gründe zu ergeben: I. Die Natur ermangelt nicht dessen, was ihr notwendig ist. Nichts aber ist der Natur des Menschen so notwendig als das, wodurch sie den letzten Endzweck erreicht. Also das darf dem Menschen nicht fehlen und somit liegt in der Natur des Menschen auch die Kraft, die Seligkeit zu erreichen. II. Die vernunftlosen Kreaturen erreichen mit ihren natürlichen Kräften den ihnen vorgezeichneten Zweck; also um so mehr die höheren vernünftigen. III. Die Seligkeit ist nach 2 Ethic. 7. vollendete Thätigkeit. Dem nämlichen aber gehört es zu, eine Sache zu beginnen und sie zu vollenden. Da also die unvollendete Thätigkeit, welche in den menschlichen Handlungen gleichsam das Princip oder der Anfang ist, der natürlichen Macht des Menschen unterliegt, kraft deren er Herr seiner Handlungen ist, so scheint er kraft seiner natürlichen Macht auch zur vollendeten Thätigkeit gelangen zu können, die da Seligkeit genannt wird. Auf der anderen Seite ist der Mensch im Bereiche der Natur auf Grund der Vernunft und des freien Willens Princip für seine Handlungen. Die vollendete Seligkeit aber, welche den Heiligen bereitet ist, ragt hervor über die natürliche Kraft des menschlichen Willens und Verstandes; denn der Apostel sagt (1. Kor. 2.): „Das Auge hat es nicht gesehen, noch das Ohr gehört, noch ist es aufgestiegen zum Herzen des Menschen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben.“ Also kann kraft seiner natürlichen Fähigkeiten der Mensch nicht zur Seligkeit gelangen.
b) Ich antworte, die unvollkommene Seligkeit wohl, wie sie in diesem Leben besessen werden kann, vermag der Mensch zu erreichen kraft seiner natürlichen Fähigkeiten, nicht aber die durchaus vollendete. Denn die letztere besteht im Anschauen der göttlichen Wesenheit. Gottes Wesen aber schauen, ist nicht nur über die natürliche Kraft desMenschen erhaben, sondern auch über die jeglicher Kreatur. (Vgl. I. Kap. 12, Art. 4.) Denn die auf die Natur gegründete Kenntnis einer jeden Kreatur ist nach der Seinsweise seiner Substanz, wie der lib. de causis (prop. 8.) über die Verständniskraft sagt: „Sie kennt, was über ihr ist und was unter ihr ist, gleichmäßig je nach der Beschaffenheit ihres substantiellen Seins.“ Alle Kenntnis aber, welche sich nach der Beschaffenheit im Sein einer geschaffenen Substanz richtet, steht weit zurück vor der Anschauung des göttlichen Wesens, das bis ins unendliche jegliche geschaffene Substanz überragt. Also weder der Mensch noch irgend ein Geschöpf kann kraft seiner natürlichen Vermögen die schließliche vollendete Seligkeit erreichen.
c) I. Es kann nicht gesagt werden, die menschliche Natur ermangle des Notwendigen, weil sie dem Menschen keine Waffen und keine Kleider mitgegeben, wie sie dies bei den anderen sinnbegabten Wesen gethan; denn sie gab ihm Vernunft und Hände als Mittel, um dergleichen Dinge sich zu verschaffen. Ebenso nun kann nicht gesagt werden, die menschliche Natur ermangle des Notwendigen, weil sie in den Menschen kein irgend welches Princip gelegt hat, womit er die Seligkeit erreichen könnte; das nämlich war unmöglich. Jedoch hat sie dem Menschen das freie Willensvermögen gegeben, vermittelst er zu Gott bekehrt werden kann, der ihn beseligen wird. „Denn,“ so Aristoteles (3 Ethic., 3.), „was wir durch Freunde vermögen, das vermögen wir gewissermaßen selber.“ II. Höher steht eine Natur, welche das vollendete Gut besitzen kann. obgleich nur mit Hilfe von außen her; wie jene Natur, die nur ein gewisses unvollkommenes Gut erreichen kann, obgleich sie dazu keines Beistandes von außen her bedarf; — wie Aristoteles sagt. (II. de coelo.) So ist auch jener besser gestellt mit Rücksicht auf die Gesundheit, der, obgleich mit Hilfe der Medizin, vollendete Gesundheit erreichen kann wie jener, der, freilich ohne diese Hilfe, nur eine schwache Gesundheit zu erreichen imstande ist. Deshalb also steht die vernunftbegabte Natur, die das vollendete Gut erreichen kann, obwohl sie dazu des göttlichen Beistandes bedarf, viel höher wie die vernunftlose, die, wenn auch dazu ihre natürliche Kraft genügt, nur ein gewisses unvollkommenes Gut zu erreichen imstande ist. III. Wenn das Unvollendete und das Vollendete ein und derselben Gattung zugehört, so kann Beides von ein und derselben Kraft verursacht werden. Ist aber diese Gattung nicht die gleiche, so ist dies nicht der Fall. Denn nicht kann das, was einem Stoffe eine gewisse Vorbereitung zu geben vermag, auch ebenso ihm die letzte Vollendung verleihen. Die unvollendete Thätigkeit aber, welche der natürlichen Macht des Menschen unterliegt, hat nicht die nämliche Gattung wie jene vollendete Thätigkeit, welche die Seligkeit ist; da jede Thätigkeit vom Gegenstande derselben abhängt. Also trifft der Einwurf nicht zu.
