Siebenter Artikel. Die Begierlichkeit macht nicht, daß das menschliche wirken unfreiwillig ist.
a) Dagegen ist: I. Die Begierlichkeit ist eine Leidenschaft gleich der Furcht. Die Furcht aber bewirkt in gewissem Sinne, daß etwas unfreiwillig ist; — also thut dies auch die Begierlichkeit. II. Infolge der Furcht handelt der Furchtsame gegen seine Vorsätze; und so auch der Unenthaltsame infolge der Begierlichkeit. Das heißt aber ebenso viel als unfreiwillig handeln. III. Die Begierlichkeit ist nach Aristoteles (6 Ethic. 5.) ein Hindernis für die klare Erkenntnis, „das Ergötzen verdirbt das Urteil der Klugheit.“ Da also, damit etwas freiwillig sei, Kenntnis erfordert wird, ist die Begierlichkeit Ursache von Unfreiwilligem. Auf der anderen Seite sagt Damascenus (2. de orth. fide 24.): „Was unfreiwillig geschieht, verdient Mitleid und Nachsicht; es vollzieht sich unter Trauer.“ Beides aber kommt nicht dem zu, was infolge der Begierlichkeit geschieht.
b) Ich antworte; die Begierlichkeit ist eher die Ursache, daß etwas in höherem Grade freiwillig sei. Denn freiwillig wird etwas deshalb genannt, weil der Wille zu selbem hingetragen wird; durch die Begierlichkeit aber wird gerade der Wille dahin geneigt, das zu wollen, was begehrt wird. Also ist die Begierlichkeit eher die Ursache des Freiwilligen.
c) I. Die Furcht richtet sich auf ein Übel; die Begierlichkeit dagegen auf ein Gut. Da nun das Übel an und für sich dem Willen zuwider ist, das Gute aber ihm genehm; so ist es der Furcht mehr als der Begierlichkeit eigen, das Unfreiwillige zu verursachen. II. Wer durch Furcht getrieben handelt, behält in sich den Widerwillen gegen das, was er thut; soweit dieses in sich betrachtet wird und nicht als Mittel, einem Übel vorzubeugen. Wer aber durch die Begierde getrieben sich zum Handeln entschließt wie der Unenthaltsame, in dem bleibt nicht bestehen der frühere Wille, welcher verschmähte, was die Begierlichkeit vorlegte; sondern dieser Wille ändert sich zu wollen jetzt das, was er früher verschmähte. Die Furcht also verursacht in gewisser Beziehung Unfreiwilligkeit; die Begierlichkeit aber in keiner Weise. Denn der Unenthaltsame handelt wohl gegen das, was er vorher wollte, nicht aber gegen das, was er jetzt will; während der Furchtsame auch gegen das handelt, was er gegenwärtig will, soweit der Gegenstand an sich betrachtet wird. III. Zuweilen nimmt die Begierlichkeit ganz und gar die Kenntnis fort, wie bei jenen z. B., die infolge ihrer Begierde wahnsinnig werden. Und in diesem Falle ist eigentlich weder von Unfreiwilligem noch von Freiwilligem die Rede; da der Gebrauch der Vernunft nicht bestehen bleibt. Zuweilen aber nimmt die Begierlichkeit nicht ganz und gar die Kenntnis fort, denn der Handelnde behält das Vermögen oder die Fähigkeit zu erkennen; sondern es wird nur fortgenommen die thatsächliche kalte Erwägung im besonderen vorliegenden Falle. Dies letztere ist aber wieder freiwillig, insofern als freiwillig bezeichnet wird, was in der Gewalt des Willens ist, wie NichtWirken, Nicht-Wollen und ähnlich auch Nicht-Erwägen; denn der Wille hat es in seiner Gewalt, die Vernunft erwägen zu lassen und der Leidenschaft zu widerstehen. (Vgl. Kap. 77, Art. 6 und 7.)
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