Sechster Artikel. Die Auswahl des Menschen geschieht mit Freiheit.
a) Aus folgenden Gründen scheint der Mensch bei seiner Wahl der Notwendigkeit unterworfen zu sein: I. So verhält sich der Zweck zu den Gegenständen der Auswahl, wie die Principien zu den Schlußfolgerungen. Diese folgen aber mit Notwendigkeit aus den Principien. Also geht der Mensch auch mit Notwendigkeit vom Zwecke her zu der Auswahl über. II. Die Auswahl folgt, wie bereits gesagt worden, dem Urteile, welches die Vernunft fällt über das zu Thuende. Die Vernunft aber urteilt mit Notwendigkeit über so Manches auf Grund der Notwendigkeit, welche die Vordersätze, die Prämissen begleitet. Also folgt die Auswahl mit Notwendigkeit. III. Sind zwei Größen einander völlig gleich, so wird der Mensch zu der einen hin nicht mehr bestimmt wie zur anderen; wie der Hungrige, der ganz gleichmäßig begehrenswerte Speisen in je gleicher Entfernung vor sich hat, nicht mehr nach der einen als nach der anderen sich hin bewegt nach 2. de coelo. Nun kann aber noch weit weniger ausgewählt werden, was als das geringere von beiden betrachtet wird, wie eine von zwei gleichen Größen gewählt werden kann. Also notwendig muß, wenn mehrere Dinge vorliegen, von denen das eine größer ist wie das andere, dasjenige erwählt werden, welches am meisten hervorragt. Auf der anderen Seite ist die Auswahl die Thätigkeit eines vernünftigen Vermögens, das seiner Natur nach sich auf das Vorgelegte oder auf dessen Gegenteil richten kann.
b) Ich antworte, daß der Mensch nicht mit Notwendigkeit wählt. Und der Grund davon ist, das dasjenige was möglich ist nicht zu sein, nicht mit Notwendigkeit Sein hat. Daß es aber möglich ist, zu wählen oder nicht zu wählen; davon kann der Grund aus der doppelten Macht des Menschen entnommen werden. Denn der Mensch kann wollen und nicht wollen, wirken und nicht wirken; — er kann zudem das wollen oder jenes; und zwar beruht dies Alles auf der natürlichen Kraft der Vernunft. Denn was auch immer die Vernunft als Gut auffassen kann, danach kann der Wille streben. Die Vernunft aber kann auffassen als Gut nicht nur das, was da ist: Wollen oder Wirken; sondern auch was nicht ist: Nichtwollen und Nichtwirken. Und ebenso kann die Vernunft in allen beschränkten Gütern betrachten das, was den Charakter von etwas Gutem hat; und wiederum auch den Mangel an etwas Gutem, was also den Charakter eines Übels hat. Demgemäß also kann sie ein jedes dieser Güter auffassen als zu wählen oder als zu fliehen. Das vollendete Gut allein, worin die Seligkeit besteht, kann die Vernunft nicht auffassen als mit einem Mangel behaftet, und demnach nicht als ein Übel. Und deshalb will der Mensch mit Notwendigkeit die Seligkeit; und er kann keineswegs nicht — selig sein wollen oder elend. Da nun die Auswahl nicht den Zweck berücksichtigt, sondern das Zweckdienliche; so richtet sie sich nicht auf das vollendete Gut, nämlich auf die Seligkeit, sondern auf die anderen beschränkten Güter.
c) I. Nicht immer entwickelt sich aus den Principien mit Notwendigkeit die Schlußfolgerung, sondern nur in dem Falle, daß die Principien nicht wahr sein können, wenn die Schlußfolgerung nicht wahr ist. Und ähnlich ist es nicht erforderlich, daß auf Grund des Zweckes dem Menschen Notwendigkeit innewohnt zu wählen, was als zweckdienlich vorliegt. Denn nicht alles Zweckdienliche ist derart beschaffen, daß ohne dasselbe der Zweck nicht besessen werden könnte; und selbst wenn es derart beschaffen ist, wird es nicht immer unter solchem Gesichtspunkte betrachtet. II. Das Urteil der Vernunft über das zu Bethätigende betrifft zufällige, nicht mit Notwendigkeit zu geschehene Dinge, welche von uns vollendet werden können; und in diesen folgen die Schlußfolgerungen nicht mit Notwendigkeit aus Principien, die unumschränkt und ohne weitere Voraussetzung notwendig sind, sondern aus Principien, welche bedingungsweise und unter Voraussetzung Notwendigkeit haben; wie z. B. wenn er läuft, ist er in Bewegung. III. Wenn zwei Größen vorgelegt werden, die nach einer Seite hin einander ganz gleich sind, so steht dem nichts entgegen, daß bei einer derselben ein Umstand in Erwägung gezogen und somit aufgefaßt werde, kraft dessen dieselbe hervorragt und daß so der Wille mehr zu dieser sich hinneige wie zur anderen.
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