Neunter Artikel. Die Thätigkeiten der äußeren Glieder in ihrem Verhältnisse zum Gebote der Vernunft.
a) Die Glieder des Körpers unterstehen nicht dem Befehlen der Vernunft. Denn: I. Weiter stehen sie ab von der Vernunft wie die pflanzlichen Seelenkräfte. Da also die letzteren der Vernunft nicht gehorchen, um so weniger diese. II. Das Herz ist das Princip für die tierischen Bewegungen. Die Bewegung des Herzens aber ist, wie Gregor von Nyssa (de nat. hom. 22.) sagt, „der Überredung seitens der Vernunft nicht zugänglich“; also auch nicht die übrigen Bewegungen. III. Augustinus sagt (14. de Civ. Dei 16.): „Die Bewegung der Glieder, welche der Zeugung dienen, ist manchmal ungelegen, wenn keinerlei Verlangen vorliegt; manchmal erfolgt sie nicht, wie sehr auch danach verlangt wird; und während innerhalb der Seele die Begierlichkeit glüht, erkaltet sie im Leibe.“ Also ist die Bewegung der Glieder nicht unterthan der Vernunft. Auf der anderen Seite schreibt Augustin (8 Conf. 9.): „Die Seele befiehlt und die Hand ist in Bewegung; und zwar ist so groß die Leichtigkeit, “daß kaum die ausgeführte Dienstleistung unterschieden wird vom Befehle.“
b) Ich antworte, daß die Glieder des Körpers Organe der verschiedenen Seelenkräfte sind. In der nämlichen Weise also wie diese Seelenkräfte sich verhalten zu der Unterwürfigkeit unter die Vernunft, so verhalten sich auch die entsprechenden Glieder. Da nun die sinnlichen Seelenkräfte der Stimme der Vernunft folgen, die pflanzlichen aber nicht, so unterliegen auch alle Bewegungen der Glieder, welche von den Kräften des sinnlichen Teiles in Bewegung gesetzt werden, dem Befehle der Vernunft; jene Bewegungen der Glieder aber, welche den rein natürlichen Kräften der (Pflanzen-) Seele folgen, unterliegen nicht der Vernunft.
c) I. Die Glieder werden nicht von sich aus bewegt, sondern vermittelst der Seelenvermögen, von denen die einen der Vernunft näher stehen wie die anderen. II. Im Bereiche dessen was den Willen und die Vernunft angeht, steht an der Spitze was gemäß der Natur ist und von diesem leitet sich das Übrige ab. So kommen wir von der Kenntnis der Principien, die wir kraft der Natur besitzen, zur Kenntnis der einzelnen Schlußfolgerungen; und vom mit Naturnotwendigkeit gewollten allgemeinen Zwecke kommen wir zur freien Auswahl dessen, was dem Zwecke dient. So auch ist im Bereiche der körperlichen Bewegungen das Princip, die erste derselben, immer gemäß der Natur. Das Princip der Bewegungen unseres Körpers ist nun von der Bewegung des Herzens. Also ist eben deshalb diese Bewegung des Herzens gemäß der Natur und unterliegt nicht der freien Willensbestimmung. Denn sie folgt, wie eine dem Wesen durchaus entsprechende Zuthat und wie ein Ergebnis dem Leben, das aus der Verbindung von Leib und Seele stammt; wie ja auch bei den leichten und schweren Dingen die Bewegung von selbst, abgesehen von äußeren Hindernissen, der substantialen oder Wesensform derselben sich anpaßt. Und deshalb weil die Herzbewegung wie von selbst der Natur des Lebens folgt, wird sie motus vitalis, Lebensbewegung, genannt. III. Was Augustinus da sagt, rührt als Strafe von der Sünde her; daß nämlich die Seele in jenem Gliede gerade die Strafe ihres Ungehorsams erleidet, durch welches die Erbsünde fortgepflanzt wird. Weil jedoch wegen der Sünde des ersten Menschen (Kap. 85, Art. 1 und 3), wie weiter unten gesagt werden wird, die Natur sich selbst überlassen und das übernatürliche Geschenk nur entfernt worden ist, welches dem Menschen Gott verliehen hatte; deshalb muß man auch den natürlichen Grund berücksichtigen, warum die Bewegungen dieser Glieder der Vernunft nicht gehorchen. Diesen Grund verzeichnet Aristoteles (causae motuum animalium cap. 11.), der da sagt, die Bewegungen des Herzens und des erwähnten Gliedes seien unfreiwillig, weil diese Glieder, sei es von seiten der Vernunft sei es von seiten der Phantasie infolge irgend einer Auffassung, aus welcher ein leidenschaftlicher Eindruck oder Einfluß in die Seele hinein sich vollzieht, in Bewegung kommen, weil nämlich etwas Leidenschaftliches dargestellt wird. Solche Bewegung aber ist nicht gemäß einer Anordnung der Vernunft, weil, damit derartige Glieder in Bewegung seien, eine natürliche Änderung des körperlichen Zustandes erfordert wird; daß der Körper nämlich kalt oder warm wird; — dieses Ändern aber in der körperlichen Beschaffenheit unterliegt nicht der Anordnung der Vernunft. Und zwar geschieht dies gerade in diesen beiden Gliedern, weil jedes von ihnen gleichsam ein für sich bestehendes sinnliches Wesen ist, insoweit jedes ein „Princip des Lebens“ vorstellt. Das Princip aber enthält der Kraft und dem Vermögen nach das Ganze in sich. Das Herz nämlich ist das Princip der Sinne; und aus dem Zeugungsgliede geht die Samenkraft aus, welche der Kraft nach das ganze sinnbegabte Wesen in sich enthält. Und deshalb haben sie kraft der Natur eigene Bewegungen, denn die Principien müssen naturgemäß und naturnotwendig sein.
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