1.
O mitleidiger und liebreicher Herr meiner Seele, du rufst
uns auch zu: »Kommet zu mir alle, die ihr dürstet, und ich will euch zu trinken geben!« Wie sollten wohl jene nicht großen Durst leiden, die da brennen in lebendigen Flammen der Begierlichkeit nach den elenden Dingen der Erde? Wahrlich, diese bedürfen des Wassers gar sehr, damit sie von ihrem Durste nicht aufgezehrt werden. Ich weiß wohl, daß deine Güte ihnen dieses Wasser reichen wird; du selbst sagst es ja, und deine Worte können nicht trügen. Wenn sie aber dieses Feuer nicht fühlen, weil sie darin aufgewachsen und zu leben gewohnt sind und in ihrer Torheit die große Not nicht erkennen, in der sie sich befinden, — welches Mittel, o mein Gott, gibt es dann noch für sie? Du, o Herr, bist in die Welt gekommen, solch großen Nöten abzuhelfen; o so beginne denn damit! Gerade in den schwierigsten
Dingen muß sich deine erbarmende Liebe zeigen! Sieh doch, wie viel deine Feinde gewinnen! Habe also Erbarmen mit denen, die gegen sich selbst kein Erbarmen haben! Da sie in ihrer unheilvollen Verblendung dir sich nicht nahen wollen, so komme du, mein Gott, selbst zu ihnen! In ihrem Namen bitte ich dich darum; denn ich weiß, daß sie aus ihrem Todesschlafe erwachen werden, sobald sie sich selbst erkennen, in sich gehen und dich zu kosten beginnen.
