19.
Das war des Gottgeliebten erstes Auftreten, und ihm folgten andere Ereignisse, die keineswegs gering zu schätzen sind. Ihre Grösse ist nicht für jeden klar, sondern nur für solche, die die Tugend kennen und gewohnt sind das, was bei den meisten als bewunderungswürdig gilt, ob der Grösse der seelischen Güter zu belächeln. Nachdem Gott die erwähnte Tat des Weisen freundlich aufgenommen hatte, machte er ihm sogleich ein bedeutendes Gegengeschenk, indem er ihm seine Ehe, als sie in Gefahr war, von einem mächtigen und zügellosen Manne verletzt zu werden, rein und unversehrt erhielt. Die Veranlassung zu diesem Anschlage war folgende (1 Mos. 12,10 ff.). Da geraume Zeit Unfruchtbarkeit herrschte, teils infolge vieler und starker Regengüsse, teils infolge von Trockenheit und Stürmen, wurden die syrischen Städte von anhaltender Hungersnot bedrängt und von den Bewohnern verlassen, die sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten, um Nahrung zu suchen und die notwendigen Lebensmittel herbeizuschaffen. Als nun Abraham erfuhr, dass hinlänglicher Überfluss und Erntesegen in Ägypten vorhanden sei, da hier der Fluss zu rechter Zeit die Felder mit seinen Fluten überschwemmt hatte und die Saaten auf den Feldern infolge der guten Mischung der Winde zur Blüte und zur Reife gebracht waren, brach er auf und führte sein ganzes Haus mit sichl. Er hatte aber eine Frau, die sowohl in seelischer Hinsicht ausgezeichnet als auch in körperlicher die schönste ihres Geschlechts war. Als nun die vornehmen Ägypter sie erblickten, bewunderten sie ihre Schönheit — denn den Hochgestellten entgeht nichts — und berichteten davon dem Könige. Als dieser die Frau holen liess und ihr schönes Antlitz sah, nahm er wenig Rücksicht auf Sittsamkeit und auf die für Ehrung von Fremden erlassenen Gesetze; er gab seiner Zügellosigkeit nach und gedachte sie zum Schein zu ehelichen, in Wahrheit sie zu entehren. Sie aber, die in dem fremden Lande bei einem zügellosen und gemütsrohen Herrscher niemand hatte, der ihr zu Hilfe kommen konnte — denn auch ihr Mann konnte ihr nicht helfen, da er die von den Mächtigeren drohende Gefahr fürchtete —, nahm zugleich mit ihm schliesslich ihre Zuflucht zur Hilfe Gottes (Auch der Midrasch erzählt, dass Sara, als sie bei Pharao war, die ganze Nacht zu Gott betete, und dass Gott ihr Gebet erhörte. Bereschl. R. c. 41 zu 1 Mos. 12,17.). Und der Allbarmherzige und Gnädige, der Beschützer der Unterdrückten, hatte Mitleid mit den Fremdlingen und brachte unerträgliche Schmerzen und schwere Strafen über den König; er verhängte über seinen Körper und seine Seele mannigfache schwer zu heilende Leiden, so dass ihm alle wollüstigen Begierden vergingen und im Gegenteil nur Sorgen ihn beschlichen wogen der Rettung von den unendlichen Leiden, von denen er Tag und Nacht gequält wurde. An der Bestrafung nahm auch sein ganzes Haus teil, da keiner sich dem ungesetzlichen Tun widersetzte, vielmehr alle durch ihre Zustimmung das Unrecht beinahe mitvollbrachten. So wurde die Keuschheit des Weibes bewahrt, den Edelsinn und die Frömmigkeit des Mannes aber hielt Gott für wert der Welt zu zeigen, dadurch dass er ihm eine hohe Belohnung gewährte, die unverletzte und unangetastete Ehe, die beinahe in Gefahr gewesen war zerstört zu werden, aus der dann nicht eine Anzahl weniger Söhne und Töchter, sondern ein ganzes Volk und zwar das gottgeliebteste hervorgehen sollte, dem, wie mir scheint, zum Heile des ganzen Menschengeschlechts das Priester- und Prophetenamt zuerteilt wurde.
