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Soviel sei über die Ungastlichkeit und Zuchtlosigkeit der Ägypter bemerkt. Bewundern muss man demgegenüber die Menschenfreundlichkeit des Mannes, der solche Schlechtigkeit erfahren (1 Mos. cap. 18). Als er um die Mittagszeit drei wandernde Männer erblickte — dass sie göttlicher Natur waren, merkte er nicht —, lief er zu ihnen hin und bat sie dringend, doch nicht an seinem Zelte vorüberzugehen, sondern einzutreten und geziemende Gastfreundschaft zu geniessen. Da die Männer nicht sowohl aus seinen Worten als vielmehr aus seiner Gesinnung erkennen, dass er es aufrichtig meine, willigen sie ohne Redenken ein. Voll Freude im Herzen betrieb er eifrig die unverzügliche Bewirtung und sprach zu seinem Weibe: „eile und mache drei Mass Kuchen". Er selbst läuft zu den Rinderherden, nimmt ein zartes und gutgenährtes Kalb und übergibt es einem Diener. Dieser schlachtet und bereitet es aufs schnellste zu; denn im Hause des Weisen ist niemand langsam in der Betätigung der Menschenliebe; Frauen und Männer, Sklaven und Freie stehen bereit zum Bedienen der Gastfreunde. Nachdem sie sich erquickt haben, nicht sowohl, an den zubereiteten Speisen als vielmehr an der Gesinnung des Gastgebers und an seiner grossen und unbegrenzten Freigebigkeit, bieten sie ihm eine Belohnung dar, die seine Erwartung übertraf, indem sie ihm für das nächste Jahr die Geburt eines ehelichen Sohnes verheissen, und zwar durch den Mund eines, des vornehmsten (Ähnlich sagt der Midrasch Bereschl. R. c. 48 zu 1 Mos. 18,3: „er redete, wie R. Ghija lehrte, den grössten unter ihnen an, den (Engel) Michael". Vgl. auch Talm. Schabuot f. 35b.) von den dreien; denn es wäre unfein, wenn alle zusammen zu gleicher Zeit sprächen, der Anstand erfordert, dass einer spricht und die anderen ihm beistimmen. Allerdings schenkten die Wirte der Verheissung keine Beachtung, weil die Sache so unglaublich war; denn da sie bereits über das Alter hinaus waren, hatten sie wegen dieses ihres hohen Alters die Hoffnung auf die Geburt eines Kindes schon aufgegeben. Es heisst nun, dass die Frau, wie sie das hörte, anfangs gelacht und dann, als jene sagten: „ist denn bei Gott irgend etwas unmöglich"? beschämt ihr Lachen geleugnet habe; denn sie wusste, dass alles bei Gott möglich ist, da sie diese Lehre schon von Kindheit auf empfangen hatte. Da erst bekam sie, wie mir scheint, eine andere Vorstellung von den erschienenen (Fremdlingen), eine würdigere, nämlich die von Propheten oder Engeln, die aus geistigem und seelenartigem Sein in menschenähnliche Gestalt sich verwandelt hätten.
