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Allein wir dürfen nicht bei der buchstäblichen Wiedergabe des erzählten Begebnisses stehen bleiben; vielmehr ziemt es sich auch noch den der Menge verhüllten Sinn zu zeigen, den nur die kennen, die das Geistige vor dem Sinnlichen bevorzugen und es zu schauen imstande sind. Dieser (verborgene Sinn) ist aber der folgende. Der geopfert werden sollte, heisst chaldäisch Isaak, wenn aber der Name ins Griechische übersetzt wird, bedeutet er „das Lachen". Unter „Lachen" wird aber hier nicht der beim Scherzen entstehende körperliche Zustand verstanden, sondern die Heiterkeit und Freude der Seele. Diese, so heisst es, muss der Weise Gott opfern, und er gibt damit durch ein Sinnbild die Lehre, dass die Freude Gott allein zukommt; denn das menschliche Geschlecht ist trübselig und ängstlich, sei es dass ein Unglück da ist oder erwartet wird, so dass es entweder über gegenwärtige unangenehme Dinge Qual empfindet oder in Unruhe und Furcht vor zukünftigen zittert. Frei von Trauer und Furcht und von jeder Schmerzempfindung ist dagegen das Wesen Gottes, das allein vollkommene Glückseligkeit geniesst. Dem nun, der dieses aufrichtige Bekenntnis ablegt, gibt Gott, der ja seinem Wesen nach gütig und menschenfreundlich ist und Neid von sich fernhält, billiger Weise das Geschenk zurück, soweit der Empfänger Aufnahmefähigkeit besitzt, und spricht zu ihm etwa folgendermassen: „Dass im allgemeinen Freude und Heiterkeit nur mir, dem Allvater, gehört und keines andern Besitztum ist, weiss ich wohl, aber wenn ich sie auch allein besitze, so gönne ich sie doch auch denen, die wert sind sie zu geniessen. Wer aber ist ihrer wohl würdig ausser dem, der mir und meinem Willen folgt? Ihn wird Verdruss und Furcht am wenigsten treffen, wenn er diesen Weg geht, der den Leidenschaften und Lastern unzugänglich ist, der nur von den heiteren Stimmungen und von den Tugenden begangen wird". Niemand aber glaube, dass die reine und mit keinem Schmerz gemischte Freude vom Himmel zur Erde herniedersteigt; hier ist sie vielmehr aus beiden (Empfindungen) gemischt, aber so, dass die bessere überwiegt; ebenso ist ja auch das Licht am Himmel ungemischt und frei von aller Dunkelheit, in der sublunaren Welt aber (auf Erden) erscheint es mit der dunklen Luftschicht gemischt. Aus diesem Grunde hat auch, wie mir scheint, die nach der Tugend benannte Sara, die vorher gelacht hatte, dem Fragenden gegenüber ihr Lachen geleugnet (1 Mos. 18,15), weil sie nämlich fürchtete, dass sie die Freude, die keines Erdgeborenen, sondern nur Gottes Eigentum ist, sich widerrechtlich aneignete. Darum beruhigt sie das Gotteswort, das zu ihr spricht: „fürchte dich nicht, du hast wirklich gelacht und du hast Anspruch auf Freude". Denn nicht liess der Allvater es zu, dass das Menschengeschlecht nur von unheilbaren Schmerzen, Leiden und Beschwerden verfolgt werde; er mischte etwas von der besseren Substanz hinein und wollte, dass die Seele einst ruhig und heiter werde; die Seele der Weisen aber soll nach seinem Willen sogar den grössten Teil ihrer Lebenszeit an den Wundern der Welt sich erfreuen und ergötzen.
