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Hierauf sagt er: „Gott bildete den Menschen, indem er Staub von der Erde nahm, und blies ihm ins Angesicht den Hauch des Lebens" (1 Mos. 2,7). Hiermit zeigt er ganz klar, dass ein sehr grosser Unterschied besteht zwischen dem Menschen, der jetzt gebildet wurde, und dem, der früher nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen war; denn der jetzt gebildete Mensch war sinnlich wahrnehmbar, hatte schon eine bestimmte Beschaffenheit, bestand aus Körper und Seele, war Mann oder Weib und von Natur sterblich; dagegen war der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene eine Idee oder ein Gattungsbegriff oder ein Siegel, nur gedacht, unkörperlich, weder männlich noch weiblich, von Natur unvergänglich (Philo findet in dem zweiten Bericht der Bibel über die Erschaffung des Menschen (1 Mos. 2,7) die eigentliche Schöpfung des ersten Menschen, während in dem ersten Bericht (1 Mos. 1,27) nur von dem Menschen in der Idee (dem Idealmenschen) die Rede sein soll (s. ob. § 76).). Er sagt aber, das Gebilde des sinnlich wahrnehmbaren Einzelmenschen sei aus irdischer Substanz und göttlichem Hauche zusammengesetzt; der Körper sei dadurch entstanden, dass der Meister Erdenstaub nahm und eine menschliche Gestalt daraus bildete, die Seele aber stamme nicht von einem geschaffenen Wesen her, sondern vom Vater und Lenker des Alls; denn was er einblies, war nichts anderes als ein göttlicher Hauch, der von jenem glückseligen Wesen zum Heile unseres Geschlechts herniederkam (Auch nach der Lehre der Stoiker ist die Seele ein warmer göttlicher Hauch, der den ganzen Körper durchdringt. Vgl. Diog. La. VII 157. Galen, de Hipp, et Plat. III 1 tom. V p. 287. Seneca Epist. 66,12.), damit dieses, wenn es auch hinsichtlich seines sichtbaren Teiles sterblich ist, doch wenigstens in seinem unsichtbaren Teile die Unsterblichkeit besitze. Darum kann man eigentlich sagen, dass der Mensch auf der Grenze steht zwischen der sterblichen und unsterblichen Natur, da er an beiden soviel, wie nötig ist, teilhat, und dass er zugleich sterblich und unsterblich geschaffen ist, sterblich in Bezug auf seinen Körper, unsterblich hinsichtlich seines Geistes.
