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So beschaffen an Leib und Seele scheint mir der erste Mensch gewesen zu sein; alle, die jetzt leben und vor uns gelebt haben, übertraf er bei weitem; denn wir stammen von Menschen ab, ihn aber hat Gott gebildet. Je vorzüglicher der Meister, desto besser ist doch das Werk. Gleichwie das Blühende stets besser ist als das Verblühte, sei es ein Lebewesen oder eine Pflanze oder eine Frucht oder irgend ein andres Ding in der Natur, so war auch offenbar der zuerst gebildete Mensch die höchste Blüte unseres ganzen Geschlechts, während die späteren nicht mehr zu gleicher Blüte gelangten, da die Nachkommen immer schwächere Formen und Kräfte bekommen (Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei dem Neuplatoniker Plotin vgl. Zeller, Philosophie der Griechen III 24,558.). Dies habe ich auch bei den Werken der Malerei und Bildhauerkunst wahrgenommen; die Nachahmungen bleiben nämlich hinter den Urbildern zurück, und die nach diesen Nachahmungen gemalten und geformten Werke noch viel mehr, da sie vom Original weit entfernt sind. Eine ähnliche Veränderung zeigt auch der Magnetstein; denn der Eisenring, der ihn unmittelbar berührt, wird am stärksten festgehalten, der folgende aber, der diesen berührt, schon weniger; es hängt nun noch ein dritter am zweiten, ein vierter am dritten, ein fünfter am vierten u.s.w. in langer Reihe, alle von einer Kraft angezogen und zusammengehalten, aber nicht auf gleiche Weise; denn die Ringe, die weit entfernt vom Ausgangspunkte hängen, werden immer schlaffer, weil die Anziehungskraft nachlässt und sie nicht mehr mit gleicher Stärke festhalten kann. Ähnliches also scheint das Geschlecht der Menschen zu erfahren, da sie mit jeder Generation immer mattere Fähigkeiten und Eigenschaften sowohl des Körpers als der Seele erhalten.
Wir werden uns aber ganz wahrheitsgemäss ausdrücken, wenn wir jenen Urahn nicht blosss den ersten Menschen, sondern auch den einzigen Weltbürger nennen. Denn Haus und Stadt war ihm die Welt, da noch kein Gebäude von Menschenhand aus Baumaterial von Stein und Holz gezimmert war; in ihr wohnte er wie in der Heimat mit vollkommener Sicherheit und ohne Furcht, da er der Herrschaft über die Erdenwelt gewürdigt wurde und alle sterblichen Wesen sich vor ihm duckten und belehrt oder gezwungen waren, ihm als ihrem Gebieter zu gehorchen, und sündlos lebte er im frohen Genusse eines kampflosen Friedens.
