56.
Es sind das aber nicht etwa mythische Gebilde, an denen das Dichter- und Sophistenvolk Gefallen findet, sondern typische Beispiele, die zu allegorischer Deutung nach ihrem verborgenen Sinn auffordern. Wenn man demnach einer natürlichen Vermutung folgen will, wird man sagen, dass die erwähnte Schlange ein Sinnbild der Wollust ist, weil sie erstens ein Tier ohne Füsse ist und vornüber gebeugt auf dem Bauche kriecht; zweitens weil sie Erdschollen als Nahrung zu sich nimmt; drittens weil sie das Gift in den Zähnen herumträgt, mit dem sie die von ihr Gebissenen tötet. Auch dem Lüstling fehlt nichts von alledem; denn wie von einer Last niedergedrückt, erhebt er nur mit Mühe das Haupt, da die ungezügelte Lust ihn zu Falle bringt und zu Boden wirft; er geniesst nicht himmlische Nahrung, wie sie die Weisheit mit ihren Lehren und Grundsätzen den Schaulustigen bietet (d. hl. denen, die gern in der Betrachtung der Schaustücke der Natur verweilen und dadurch zur Philosophie und zur Weisheit gelangen (oben § 54).), sondern nur die Nahrung, die in den regelmässigen Jahreszeiten aus der Erde hervorwächst; aus dieser entstehen Trunksucht, Gefrässigkeit und Schlemmerei, die die Begierden des Leibes erregen und aufrühren und auch die heftigen Gelüste des Unterleibes erwecken. Gierig beschnüffelt er das Erzeugnis der Speisenbereiter und Kochkünstler und dreht den Kopf im Kreise herum und reckt sich, um den Duft der Leckerbissen einzuatmen; und wenn er eine wohlbesetzte Tafel erblickt, fällt er über die Speisen her, stürzt auf sie los und ist voller Eifer, sich mit allem auf einmal anzufüllen, da seine Absicht hierbei nicht ist, satt zu werden, sondern nur ja nichts von den Speisen übrig zu lassen. Daher trägt er ebenso gut wie die Schlange das Gift in den Zähnen; denn diese sind die Diener und Handlanger der Unersättlichkeit: sie zerteilen und zerkleinern alles zum Essen und übergeben es erst der Zunge, die über den Geschmack entscheidet, zur Beurteilung und dann dem Schlund. Ein Unmass von Speisen ist aber natürlich tödlich und giftig, da sie keine Verdauung zulassen wegen der Menge der Speisen, die hinzukommen, ehe noch die früheren verdaut sind. Es heisst aber, dass die Schlange menschliche Laute hervorbrachte, weil nämlich die Lust unzählige Verteidiger und Vorkämpfer hat, die die Sorge für sie und ihre Vertretung übernommen haben, die die Keckheit haben zu lehren, dass sie die Herrschaft über alles habe, über gross und klein, ohne irgend welche Ausnahme (Gemeint ist die Lehre der Epikureer, deren Beweisgründe für die Bedeutung der Lust im folgenden angeführt werden. Vgl. Usener, Epicurea p. 274.).
