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Werke Johannes Chrysostomus (344-407) In epistulam i ad Corinthios argumentum et homiliae 1-44 Homilien über den ersten Brief an die Korinther (BKV)
Dreiundzwanzigste Homilie.

V.

Wären wir auch in jene Tiefe des Elendes gerathen wie Jener, der das väterliche Erbgut vergeudet und sich schließlich von Trebern genährt hat, so werden wir, wenn wir nur Buße thun, sicher gerettet. Und wenn wir zehntausend Talente schulden und dem Herrn zu Füßen fallen und die erlittene Beleidigung vergessen, so wird uns Alles erlassen. Und hätten wir uns auch wie jenes Schäflein von der Heerde verirret, so wird er uns zurückführen, wenn wir, Geliebte, nur wollen; denn Gott ist ja gütig. Darum genügte es ihm, daß jener Knecht, der die zehntausend Talente schuldig war, ihm zu Füßen fiel, und daß Der, welcher das väterliche Erbe vergeudet hatte, nur heimkehrte, und daß sich das verirrte Schäflein nur tragen ließ.

Lasset uns also die Größe seiner Erbarmung erwägen und ihn versöhnen und vor ihm unsere Schuld bekennen, damit wir nicht beim Hinscheiden aus diesem Leben ohne Nachsicht der äussersten Strafe verfallen! Wenn wir in dem gegenwärtigen Leben auch nur einen gewöhnlichen Eifer beweisen, so werden wir davon den größten Gewinn haben; wenn wir aber hienieden uns nicht bessern und so hinscheiden, so wird es uns jenseits Nichts nützen, wenn wir auch die bitterste Reue empfinden; denn wir sollen kämpfen, während wir auf dem Kampfplatze sind, nicht aber, nachdem das Spiel aus ist, fruchtlos jammern und Meinen, wie es jener Reiche gemacht, der weinte und weh- S. 398 klagte, aber umsonst und vergebens, da er die Zeit, wo Dieses hätte geschehen sollen, nicht achtete. Er ist aber nicht allein, sondern es gibt auch jetzt noch viele Reiche, die ihm gleichen, welche das Geld nicht verachten, wohl aber um des Geldes willen ihre Seele vernachlässigen. Über solche Leute muß ich mich dann wundern, wenn ich sehe, wie sie Gott um Erbarmen anflehen, dabei aber sich selbst nicht helfen wollen und mit ihrer eigenen Seele feindlich verfahren. Lasset uns doch nicht scherzen, Geliebte, lasset Uns kein eitles Spiel treiben und uns nicht selbst täuschen, indem wir Gott bitten, daß er sich unser erbarme, dabei aber Geld, Wollust und alles Andere diesem Erbarmen vorziehen! Wenn dir Jemand einen Streithandel vortrüge und irgend einen Andern verklagte, daß er tausendmal den Tod verdient habe, daß er sich mit Geld hätte loskaufen können, aber lieber habe sterben, als nur Etwas von seinem Vermögen habe daran wagen wollen, so würdest du wohl nicht behaupten, daß ein Solcher Barmherzigkeit und Vergebung verdiene. So denke nun auch in Bezug auf dich selber; denn wir thun ja Dasselbe. Wir vernachlässigen das Seelenheil aus Liebe zum Gelde. Wie darfst du nun Gott bitten, daß er dich verschone, da du dich selbst nicht verschonst und das Geld der Seele vorziehst? Ich staune über den Zauber, der in dem Gelde oder besser gesagt, in den Herzen der Verblendeten liegt. Doch gibt es auch sicherlich Menschen, welche dieses Blendwerk herzlich verlachen, denn was liegt wohl darin, das unsere Augen bezaubern könnte? Ist es nicht ein lebloses Wesen? Ist es nicht vergänglich? Ist sein Besitz nicht unsicher, verbunden mit Furcht und Gefahr, Mord und Nachstellungen, mit Feindschaft und Haß, mit Trägheit und allerlei Bosheit? Ist es nicht Staub und Asche? Welcher Wahnsinn! Welche Krankheit!

Allein man soll, heißt es, Diejenigen, welche mit dieser Krankheit behaftet sind, nicht bloß anklagen, sondern ihnen diese Liebe benehmen. Und wie werden wir ihnen diese S. 399 anders benehmen als dadurch, daß wir ihnen beweisen, wie böse sie sei, und wie zahllose Übel sie im Gefolge habe? Allein es ist nicht leicht, Jemanden, der in Etwas verliebt ist, von dem Läppischen Desselben zu überzeugen. Man muß ihm daher eine andere Schönheit vorführen. Da er aber noch krank ist, sieht er keine unkörperliche Schönheit. Wir wollen ihm also eine körperliche zeigen und zu ihm sprechen: Stelle dir die Wiesen vor und, die Blumen darin, schimmernder als Gold und schöner und prächtiger als alle Juwelen; denke dir das krystallhelle Quellwasser und die Bächlein, die sanft wie Öl aus der Erde hervorsprudeln! Erbebe deine Augen zum Himmel empor und schaue die Schönheit der Sonne, den Glanz des Mondes und der Sterne Pracht, gleich Blumen ausgesäet! Nun was soll Das? wirst du fragen; wir können diese Dinge doch nicht gleich dem Gelde benutzen. Jawohl, mehr als das Geld, infofern ihr Gebrauch nothwendiger und der Genuß sicherer ist; denn du hast nicht zu fürchten, daß dir Jemand diese Dinge wie etwa das Geld entwende, sondern du kannst dich darauf immer verlassen und zwar ohne Kummer und Sorge. Wenn dich aber der Umstand schmerzt, daß auch Andere mit daran Theilhaber sind und du nicht allein im Besitze bist wie in Bezug auf das Geld, so scheinst du mir nicht sowohl das Geld als die Sucht nach demselben zu lieben. Du würdest das Geld auch nicht lieben, falls es Alle als Gemeingut besäßen. Da wir nun, deine Geliebte — die Habsucht — gefunden haben, wohlan, so Will ich dir zeigen, wie sie dich haßt und verabscheut, wie viele Schwerter sie gegen dich schärft, wie viele Abgründe sie für dich gräbt, wie viele Schlingen sie legt, wie viele Klippen sie bietet, — damit du so diese Liebe auslöschen mögest. Woher kann man aber Das wissen? Das erfährt man auf den Landstraßen, im Kriege, auf dem Meere, auf den Gerichtsplätzen. Denn sie ist es, welche das Meer mit Blut anfüllt und oft das Schwert der Richter mit Blut, und nicht selten mit unschuldigem Blute färbt; sie bewaffnet die Räuber, die Tag und Nacht an den Wegen lagern; S. 400 sie lehrt die Natur verleugnen, erzeugt Vater- und Mutter-Mörder und bringt alles Unheil in’s Leben. Darum nennt sie auch Paulus eine Wurzel des Bösen. Sie bewirkt, daß es ihren Liebhabern nicht besser ergeht als Denen, die in den Bergwerken arbeiten. Denn gleichwie diese beständig in dunkelen Schachten und in Ketten gedankenlos arbeiten, so verdammen sich die Geizigen aus eigener Wahl und ohne von Jemand gezwungen zu werden, in die finstern Höhlen des Geizes und legen sich unauflösbare Fesseln an. Die Sträflinge in den Bergwerken haben wenigstens am Abende Ruhe; diese aber graben Tag und Nacht nach dem verwünschten Metalle. Jenen ist die mühsame Arbeit bestimmt und abgemessen; diese hingegen kennen kein Maß, sondern je mehr sie graben, desto größerer Plage unterziehen sie sich. Wenn nun Jene gezwungen, Diese aber aus freien Stücken Das leiden, so besteht das Schlimme der Krankheit darin, daß sie von derselben nicht befreit werden können, indem sie nicht einmal das Übel hassen, sondern sich, wie Schweine im Schlamme, im Unrath des Geizes mit Behaglichkeit wälzen und schlimmer daran sind als jene Sträflinge. Vernimm, wie es Diesen ergeht, und dann wirst du hören, daß die Geizigen noch schlimmer daran sind! In jenen dunkelen Höhlen der goldhaltigen Erde gibt es, wie man erzählt, viele Schachte und Winkel. Der Sträfling, welcher zu jenen Arbeiten verurtheilt ist, geht nun, mit Licht und Werkzeug versehen, hinein und trägt eine Ölbulle mit, um nachzugießen, wenn das Licht ausgehen will, weil es, wie ich oben gesagt, finster ist, da kein Tageslicht einfällt. Der Unglückliche, heißt es, wisse nicht einmal, wann die Zeit zum Essen da ist; dann stoße der Aufseher von oben mächtig an die Decke des Schachtes und gebe durch jene Erschütterung und jenes Getön ihnen das Zeichen, daß der Tag zu Ende sei. — Schaudert ihr nicht bei diesen Worten? Nun wollen wir sehen, ob die Geizigen nicht Ärgeres ausstehen. Diese haben einen noch härteren Kerkermeister, den Geiz, der um so schlimmer ist, weil er Leib und Seele in Bande legt. Auch die Finsterniß S. 401 ist hier weit schauerlicher; denn sie fällt nicht in die Sinne, sondern die Geizigen erzeugen sie in ihrem Innern und tragen sie überall mit sich, denn ihr Geistesaug’ ist erloschen. Darum nennt sie auch Christus die allerunglückseligsten Menschen, indem er spricht: „Wenn aber das Licht, das in dir ist, Finsterniß ist, wie groß wird die Finsterniß selbst sein?1 Jene haben doch wenigstens ein scheinendes Licht; Diesen aber mangelt ein solches und deßwegen stürzen sie täglich in allerlei Abgründe. Jene Sträflinge können sich wenigstens erholen, sobald die Nacht einbricht, dieser allgemeine Hafen für Diejenigen, die bei Tage geplagt sind; den Geizigen aber hat die Habsucht diesen Hafen verschlossen, da sie sich, ohne von Jemanden gequält zu werden, auch in der Nacht durch vielerlei Kummer und Sorgen selbst foltern. Und das ist ihre Strafe hienieden; was sie aber dort zu gewärtigen haben, welche Zunge schildert uns Das? — die unerträgliche Glut, die feurigen Ströme, das Zähneknirschen, die unauflöslichen Bande, den giftigen Wurm, die undurchdringliche Finsterniß und die Qual ohne Ende?

Erschrecken wir also, o Geliebte, erschrecken wir vor der Quelle so vieler Leiden, vor jener unersättlichen Wuth, vor jenem Verderben unserer Seele! Denn Geld und Seele können wir nicht zu gleicher Zeit lieben. Lernen wir doch einsehen, daß der Reichthum Staub und Asche ist, daß er uns beim Austritt aus diesem Leben, ja schon vor demselben verläßt und uns sowohl hier wie dort im Wege steht. Denn ehe noch die Hölle und jene ewige Strafe eintritt, verursacht er schon hier unzählige Kriege, erregt Zänkereien und Zwist. Denn Nichts erregt so viel Streit als der Geiz; Nichts macht den Menschen so sehr zum Bettler, mag er nun reich oder arm erscheinen. Denn auch in den Gemüthern der Armen entsteht diese gefährliche Krankheit, S. 402 und Nichts quält sie heftiger bei ihrer Armuth. Und wenn ein Armer dem Geize verfällt, so ist nicht das Geld seine Strafe, sondern der Hunger; denn er wagt es nicht einmal, das Wenige, was er besitzt, zu benutzen, sondern quält seinen Magen durch Hunger, plagt den ganzen Leib mit Blöße und Frost und erscheint überall schmutziger und elender, als die im Gefängnisse liegen, und jammert immer und klagt, als sei er der Elendeste aller Menschen, obgleich es noch zahllose Ärmere gibt. Wenn Dieser den Marktplatz betritt, so verläßt er denselben mit vielen Striemen;2 geht er in’s Bad oder in’s Theater, so trägt er noch mehr Wunden davon, nicht nur von Seite der Zuschauer, sondern auch von den Schauspielern und beim Anblick der in Gold strahlenden Diener. Beschifft er das Meer und sieht da die Kaufleute und ihre reichbeladenen Schiffe und den großen Gewinn, so glaubt er nicht mehr leben zu können. Und reist er zu Lande und sieht die Äcker und Landgüter, Lusthäuser und Bäder, und berechnet ihren Ertrag, so hält er das fernere Leben für unerträglich. Wollte man ihn in seinem Hause einsperren, so wird er die Wunden, die draussen empfangen, von Neuem aufreissen und desto tiefer sich grämen, und es verbleibt ihm in seinem Grame nur ein Trost — der Tod und der Abschied vom Leben. So ergeht es nicht bloß dem Armen, sondern auch dem Reichen, der dieser Krankheit verfällt; ja diesem geht es noch schlimmer als dem Armen, da die Tyrannei ihn heftiger angreift und die Trunkenheit größer ist. Darum hält sich ein Solcher für den Allerärmsten, und er ist es auch wirklich; denn Reichthum und Armuth schätzt man nicht nach dem Maße des Vermögens, sondern nach der Gesinnung; und so ist denn Derjenige der Allerärmste. der sich nach immer mehr sehnt und diese heillose Gier nie sättigen kann.

S. 403 Aus all diesen Gründen lasset uns die Geldliebe fliehen, sie, die den Menschen zum Bettler macht, die Seelen verdirbt, die Freundin der Hölle, die Feindin des Himmels und die Mutter aller Übel ist! Lasset uns das Geld verachten, auf daß wir es genießen und zugleich auch die verheissenen Güter erlangen. Mögen diese uns allen zu Theil werden durch die Gnade u. s. w.

S. 404


  1. Luk. 6, 23. ↩

  2. Πολλοὺς λαβὼν ἄπεισι μώλωπας. Μώλωψ, Strieme, Schwüle, Beule; I. Petr. 2, 24. ↩

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Commentaire sur la première épitre aux Corinthiens vergleichen
Homilien über den ersten Brief an die Korinther (BKV)

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