• Start
  • Werke
  • Einführung Anleitung Mitarbeit Sponsoren / Mitarbeiter Copyrights Kontakt Impressum
Bibliothek der Kirchenväter
Suche
DE EN FR
Werke Johannes Chrysostomus (344-407) In epistulam i ad Corinthios argumentum et homiliae 1-44 Homilien über den ersten Brief an die Korinther (BKV)
Fünfunddreissigste Homilie.

VI.

Da wir nun Dieses wissen, so laßt uns die Armuth nicht fliehen, den Reichthum nicht anstaunen, sondern die Seele für alle Fälle zur Tüchtigkeit rüsten. Denn wer ein Haus für sich baut, hat ja nicht die Absicht, daß auf dasselbe weder Regen noch Sonnenstrahl falle, denn das wäre nicht möglich; sondern, daß es Alles aushalten kann. Und wer ein Schiff baut, sieht nicht darauf, daß keine Fluthen über dasselbe herstürzen, daß sich kein Sturm erhebe, denn Das wäre nicht möglich, sondern daß die Wände des Schiffes Alles aushalten mögen. Ferner, wer um seine leibliche Gesundheit besorgt ist, sinnt nicht darauf, daß etwa wohl keine ungünstige Witterung eintreffe, sondern daß der Körper Dieß alles leicht zu ertragen vermöge. So wollen wir es auch in Betreff der Seele machen, und darauf bedacht sein, weder die Armuth zu fliehen noch nach Reichthum zu streben, sondern wir wollen uns in beiden Fällen — bei Armuth und Reichthum — vor dem Verderben bewahren. Unbekümmert, ob arm oder reich, wollen wir unsere Seele auf Beides bereiten. Sollte uns auch nichts Menschliches zustoßen, was in der Regel wohl nicht der Fall ist, so ist doch Derjenige, welcher keine Reichthümer sucht, sondern sich in Alles zu fügen versteht, besser daran, als wer beständig reich ist. Warum? Weil die Festigkeit des Ersteren von innen, die des Andern von aussen sich findet. Und wieder Soldat, der auf Körperstärke und Übung im Kampfe sich stützt, besser daran ist als jener, der sich bloß auf die Stärke seiner Waffen verläßt, so ist auch Jener, der durch die Tugend geschützt ist, tapferer, als der sich nur auf sein Geld stützt. Ferner kann Dieser, wenn er auch nicht in Armuth geräth, doch unmöglich von Unruhe frei sein; denn der Reichthum bringt viele Wogen und Stürme mit sich; nicht aber die Tugend, vielmehr gewährt diese nur Wonne und Sicherheit; denn sie macht den Besitzer gegen die Feinde unbezwingbar, während der Reichthum ganz das Gegentheil thut, indem er viele Blößen gibt und leicht zu fangen ist. Und gleichwie unter allen Thieren Hirsche und Hasen wegen S. 625 der ihnen angebornen Furchtsamkeit am leichtesten zu fangen sind, hingegen Eber, Stier und Löwe sich von den Jägern nicht leicht beikommen lassen, so verhält es sich auch mit den Reichen und mit Denen, welche sich in freiwilliger Armuth befinden. Diese gleichen dem Stier und dem Löwen, Jene dem Hirschen und Hasen. Denn wen fürchtet der Reiche wohl nicht? Nicht Räuber? nicht Machthaber? nicht Neider? nicht Verräther? Und was nenne ich Verräther und Räuber, da er ja nicht einmal seinen Knechten zu trauen vermag? Diese Furcht verfolgt ihn nicht nur im Leben; selbst nach dem Tode ist er vor dem Frevel der Räuber nicht sicher; der Tod kann ihn nicht schützen, da die Bösewichter selbst die Leiche berauben: ein so unsicheres Gut ist der Reichthum; nicht nur in die Häuser brechen die Diebe ein, sie durchwühlen auch Gräber und Särge. Wer ist nun bejammenswerther als Der, welchem selbst der Tod keine Sicherheit bietet; dessen armer Leib, selbst nachdem das Leben entflohen, von den Übeln dieses Lebens nicht frei bleibt, sondern auch dann noch den Angriffen jener Frevler ausgesetzt ist, die sich an Staub und Asche wagen, und ihn ärger mißhandeln, als während des Lebens? Denn damals drangen sie in das Gemach ein und durchwühlten die Geldkisten, legten aber keine Hand an den Leib und nahmen nicht so viel, daß sie selbst den Körper entblößten; jetzt aber wagen sich die ruchlosen Hände der Grabschänder selbst an die Leiche, kehren sie um und um, und mißhandeln sie auf die schrecklichste Weise. Denn sie entblößen dieselbe von der Erde, womit sie bedeckt und von den Kleidern, in die sie gehüllt ist, und lassen sie auf diese Weise hingestreckt liegen. Wo ist nun ein schlimmerer Feind, als der Reichthum, der im Leben die Seele zu Grunde richtet, und nach dem Tode noch den Leichnam beschimpft, und nicht einmal mit Erde bedeckt läßt? Und Das ist doch bei Denjenigen üblich, die der größten Verbrechen überführt und zum Tode verdammt worden sind; denn die Verbrecher läßt der Gesetzgeber hinrichten und kümmert sich weiter um Nichts; aber an Jenem übt der Reichthum auch S. 626 nach dem Tode noch die furchtbarste Rache, indem er sie nackt und unbegraben zum entsetzlichen und kläglichen Schauspiele aussetzt. Nicht so schrecklich ist es bei Jenen, die durch gerichtlichen Ausspruch und des Richters Strenge Ähnliches dulden; denn Solche bleiben nur einen oder zwei Tage unbegraben, alsdann werden sie beerdigt; Diese hingegen werden nach ihrer Begräbniß wieder entblößt und beschimpft. Wenn die Räuber nicht auch noch den Sarg mitnehmen, so hat man Das nicht dem Reichthum, sondern der Armuth, die ihn schützt, zu verdanken. Wenn derselbe der Obhut des Reichthums anvertraut wäre, wenn er nicht aus Stein, sondern aus Gold bestände, so würden wir ihn sicher verlieren. So unsicher ist der Reichchum; er gehört viel mehr Denen, die ihm nachstellen, als die ihn wirklich besitzen. Darum sucht man vergebens zu behaupten, daß man dem Reichthum schwer beikommen könne, da ja Diejenigen, die ihn besitzen, selbst am Tage ihres Todes keine Sicherheit finden. Wie schlimm auch irgend ein Mensch sei, und wäre er ein wildes Thier, ein Teufel, — oder wer immer, — mit einem Todten versöhnt er sich doch; denn dieser Anblick genügt, auch ein eisernes, gefühlloses Herz zu erweichen. Sobald Jemand einen Todten sieht, und wäre er auch sein Feind und Gegner gewesen, so weint er mit den besten Freunden desselben; der Zorn erlischt mit dem Leben, und das Mitleid tritt an die Stelle: bei der Trauer um einen Verstorbenen und dem Leichenbegängniß kann man den Feind und Den, der es nicht ist, nicht unterscheiden; solche Achtung erweisen Alle der gemeinschaftlichen Natur und den Gesetzen, welche diese Achtung gebieten. Aber der Reichthum genießt nicht einmal diese Rücksicht, sondern rächt sich an seinen Besitzern, und macht auch Diejenigen zu Feinden des Verstorbenen, denen er nie Etwas zu Leide gethan; denn eine Leiche entblößen und berauben, ist doch wohl ein Beweis einer großen und grimmigen Feindschaft. Die Natur versöhnt die Feinde im Tode; der Reichthum hingegen fordert sogar Diejenigen, die dem Todten Nichts vorwerfen können, zum Kampfe gegen ihn auf, und mißhandelt Den schmählich, der einsam und verlassen da liegt.

S. 627 Und wiewohl vielerlei Umstände da sind, um das Mitleid zu wecken, nämlich, daß er entseelt, ohne Bewegung da liegt, in Verwesung und Staub übergeht und Niemand ihn schützt: so rührt doch Dieß alles nicht jene ruchlosen Menschen, die da beherrscht sind von sündhafter Habsucht. Denn die Liebe zum Gelde steht hinter ihnen wie ein grausamer Herrscher, spornt sie zu solcher Unmenschlichkeit, macht sie zu wilden Thieren und treibt sie so zu den Särgen. Gleich Raubthieren würden sie selbst das Fleisch der Leichen verzehren, wenn es ihnen zuträglich wäre. Das ist die Frucht des Reichthums, daß wir auch noch nach dem Tode mißhandelt und des Grabes beraubt werden, das doch den größten Verbrechern gegönnt wird. Sage mir, werden wir nun den Reichthum noch lieben, da er sich gegen uns so feindselig zeigt? Nein, meine Brüder, und abermal nein! Lasset uns fliehen vor ihm, ja nicht einmal umschauen; und wenn er in unsere Hände geräth, so lasset uns ihn nicht festhalten, sondern ihn hinlegen in die Hände der Armen. Auf diese Weise läßt er sich am Besten bewahren; aus dieser Schatzkammer entrinnt er uns nicht; vorher treulos, wird er jetzt zuverlässig, zahm und mild durch wohlthätige Spenden. Ist Reichthum in unsern Händen, so wollen wir ihn in Almosen verwandeln; ist er ferne von uns, so wollen wir nicht darnach streben, uns nicht quälen, noch die Besitzer desselben glückselig preisen; denn was soll doch Das für ein Glück sein? Oder soll man auch Diejenigen, welche mit wilden Thieren kämpfen, für beneidenswerth halten, da Jene, welche solche Gefechte veranlassen, jene seltenen Thiere in eigenen Behältern verwahren, jedoch es nicht wagen, sich ihnen zu nähern oder sie zu berühren, sondern vor ihnen sich fürchten und zittern? Dasselbe geschieht auch den Reichen, die ihre Schätze gleich reissenden Thieren unter Schloß und Riegel verwahren, und was bei jenen Thieren mcht vorkommt, täglich unzählige Wunden erhalten. Denn die wilden Thiere richten nur Jene zu Grunde, die ihnen, wenn sie losgelassen werden, in den Weg kommen; der Reichthum aber richtet auch dann, wenn er eingeschlossen und S. 628 wohl verwahrt ist, seine Besitzer und Wächter zu Grunde. Wir aber wollen dieses wilde Thier zähmen; es wird aber zahm sein, wenn wir es nicht einsperren, sondern es den Händen aller Armen überantworten. So wird es uns den größten Gewinn bringen: wir werden hienieden sicher und in süßer Hoffnung leben, und dem kommenden Gerichtstage mit Zuversicht entgegen sehen. Möge dieses Glück uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit u. s. w.

S. 629

pattern
  Drucken   Fehler melden
  • Text anzeigen
  • Bibliographische Angabe
  • Scans dieser Version
Download
  • docxDOCX (559.57 kB)
  • epubEPUB (517.26 kB)
  • pdfPDF (1.97 MB)
  • rtfRTF (1.63 MB)
Übersetzungen dieses Werks
Commentaire sur la première épitre aux Corinthiens vergleichen
Homilien über den ersten Brief an die Korinther (BKV)

Inhaltsangabe

Theologische Fakultät, Patristik und Geschichte der alten Kirche
Miséricorde, Av. Europe 20, CH 1700 Fribourg

© 2026 Gregor Emmenegger
Impressum
Datenschutzerklärung