2.
Wenn es also das Seufzen der Taube ist, das wir alle kennen, die Tauben aber in Liebe seufzen, so höret, was der Apostel sagt, und wundert euch nicht, daß der Heilige Geist in Gestalt einer Taube gezeigt werden wollte; „denn um was wir bitten sollen“, sagt er, „wissen wir nicht, der Heilige Geist selbst aber ist Fürsprecher für uns mit unaussprechlichen Seufzern“1. Wie nun, Brüder, werden wir sagen, daß der Geist seufzt dort, wo er vollkommen und ewig selig ist mit dem Vater und dem Sohne? Denn der Heilige Geist ist S. 88 Gott wie der Sohn Gottes Gott und der Vater Gott ist. Dreimal habe ich gesagt: Gott, aber ich habe nicht gesagt: drei Götter; denn eher noch dreimal Gott als drei Götter, weil der Vater und der Sohn und der Heilige Geist ein Gott ist; das wißt ihr ganz gut. Der Heilige Geist seufzt also nicht in sich selbst bei sich in jener Trinität, in jener Seligkeit, in jener Ewigkeit seines Wesens, sondern in uns seufzt er, weil er unser Seufzen bewirkt. Und es ist nichts Geringes, daß uns der Heilige Geist seufzen lehrt, denn er erinnert uns daran, daß wir Pilger sind, und lehrt uns nach dem Vaterland verlangen, und eben dieses Verlangen ist es, in dem wir seufzen. Wem es wohl ist in dieser Welt oder vielmehr wer glaubt, es sei ihm wohl, wer aus Lust an fleischlichen Dingen, im Übermaß zeitlicher Güter und eitler Glückseligkeit aufjauchzt, hat die Stimme eines Raben; denn die Stimme des Raben ist krächzend, nicht seufzend. Wer aber weiß, daß er in der Bedrängnis dieses sterblichen Lebens sich befindet und fern vom Herrn pilgert2, noch nicht die uns verheißene ewige Seligkeit besitzt, sondern erst in Hoffnung darauf lebt, um sie in Wirklichkeit zu erhalten, wenn der Herr in sichtbarem Glanze kommen wird, nachdem er zuerst verborgen in Niedrigkeit gekommen war: wer das weiß, seufzt. Und solange er deswegen seufzt, seufzt er gut; der Geist hat ihn seufzen gelehrt, von der Taube hat er seufzen gelernt. Denn viele seufzen in irdischer Unglückseligkeit; entweder durch Verluste entmutigt, oder mit Krankheit beladen, oder in Gefängnissen eingeschlossen, oder in Ketten gebunden, oder von den Meereswogen hin- und hergeworfen, oder von Nachstellungen der Feinde umringt seufzen sie, aber sie seufzen nicht mit dem Seufzen der Taube, sie seufzen nicht aus Liebe zu Gott, sie seufzen nicht im Geiste. Wenn darum solche von ihren Bedrängnissen befreit sind, jubeln sie mit lauter Stimme, und es zeigt sich dann, daß sie Raben sind, nicht Tauben. Mit Recht wurde aus der Arche ein Rabe entlassen, und er kehrte nicht zurück; es wurde eine Taube entlassen, und sie kehrte zurück; diese beiden Vögel S. 89 sandte Noe aus3. Er hatte dort einen Raben, er hatte dort auch eine Taube; diese beiden Gattungen enthielt die Arche; und wenn die Arche die Kirche vorbildete, so seht ihr eben, daß die Kirche in der Sintflut dieser Welt beide Gattungen enthalten muß, den Raben und die Taube. Welche sind die Raben? Die das Ihrige suchen. Welche die Tauben? Die das suchen, was Christi ist4.