22.
Die Früchte waren Mandeln (Die Septuaginta übersetzt zwar 4 Mos. 17,23 ~yDqV (Mandeln) durch κάρυα (Nüsse), das "Wort κάρυον wurde indessen auch für „Mandel" gebraucht, denn im Lateinischen wird mit nux graeca die Mandel bezeichnet (Hehn, Kulturpflanzen4 S. 321). Dass Philo hier unter κάρυα Mandeln verstand, ergibt sich daraus, dass er weiterhin (§ 186) von αμυγδαλή (Mandelbaum) spricht.), deren Natur der anderer Früchte ganz entgegengesetzt ist. Während nämlich bei den meisten anderen, bei der Weintraube, bei der Olive, bei den Äpfeln, der Samenkern und der essbare Teil der Frucht voneinander verschieden und auch räumlich getrennt sind — draussen der essbare Teil, der Samenkern dagegen drinnen (von einer Hülle) umschlossen —, ist der Samenkern und der essbare Teil der Mandel ein und dasselbe: beide bilden eines in der Erscheinung und ihr Platz ist derselbe im Innern der Frucht, durch eine doppelte Umfriedigung geschützt und ringsum wohlverwahrt, nämlich durch eine recht dicke Schale und ein fast holziges Gebilde. Damit wird auf die vollendete Tugend hingedeutet. Wie nämlich in der Mandel Anfang und Ende ein und dasselbe ist, und zwar Anfang, insofern sie Samenkern, Ende, insofern sie Frucht ist, so verhält es sich auch mit den Tugenden: jede ist Ausgangspunkt und Ziel zugleich, Ausgangspunkt, weil sie nicht aus einer fremden Kraft, sondern nur aus sich selbst erwächst, und Ziel, weil das naturgemässe Leben zu ihr hinstrebt. Dies ist der eine Grund; es wird aber noch ein andrer angegeben, der noch bedeutungsvoller als der erste ist. Bei der Mandel ist die Schale bitter und die im Innern wie ein hölzerner Zaun den Kern umgebende Hülle sehr derb und fest, die von beiden eingeschlossene Frucht daher nicht leicht zu gewinnen. Dies stellt er als Sinnbild für die ringende Seele hin, womit er sie zur Tugend anspornen zu müssen glaubt, indem er lehrt, dass ihrer Erlangung Mühe vorhergehen muss: bitter, widerwärtig und hart ist die Arbeit, aus der das Glück erwächst; deshalb ist Verweichlichung zu vermeiden. Denn wer die Anstrengung flieht, der flieht auch das Gute; wer aber standhaft und männlich die Schwierigkeiten aushält, dessen Streben ist auf dem Wege zur Glückseligkeit. Denn in Üppiglebenden, seelisch Verweichlichten und körperlich infolge täglicher, unausgesetzter Schwelgerei entnervten Menschen kann Tugend nicht wohnen, wegen schlechter Behandlung betreibt sie bei ihrer Herrin, der aufrechten Vernunft (Stoisch: vgl. Einleit. S. 17.), ihr Scheiden und zieht von dannen. Aber in Wahrheit sucht die hochheilige Vereinigung von Einsicht, Mässigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit (Die bekannten Kardinaltugenden der griechischen Philosophen seit Sokrates) die Strebenden und alle die auf, die nüchterner, harter Lebensführung in Enthaltsamkeit und Standhaftigkeit mit Einfachheit und Anspruchslosigkeit sich hingeben, wodurch die bedeutendste unserer Fähigkeiten, die Urteilskraft, zu fester Gesundheit und zum Wohlbefinden fortschreitet, indem sie den schweren Widerstand des Körpers niederwirft, den Trinken und Schlemmen, Geilheit und die anderen unersättlichen Begierden stärken, da sie Wohlbeleibtheit erzeugen, die Gegnerin einsichtigen Sinnes. Vom Mandelbaum sagt man übrigens, dass er, wie er unter den Bäumen, die im Frühling zu knospen pflegen, als erster blühe und so ein froher Vorbote der Fülle von Baumfrüchten sei, so auch als letzter sein Laub abwerfe und so alljährlich sein schönes in Grün prangendes Greisenalter am längsten ausdehne. Beide Eigenschaften stellt er als Sinnbild des Priesterstammes (Unter diesem Priesterstamm im weiteren Sinne das jüdische Volk zu verstehen, ist nicht nötig, denn nach De special, leg. I § 97 unterscheidet sich der Hohepriester der Juden von den Priestern der anderen dadurch, dass diese nur für Angehörige, Freunde und Mitbürger zu beten und zu opfern pflegen, während jener für das ganze Menschengeschlecht, ja sogar für das ganze Weltall Gebete und Dankopfer der Gottheit weiht. Auch § 168 und § 190 ebendas. wird betont, dass die täglichen Opfer nicht nur für das gesamte Volk (Israel), sondern für das ganze Menschengeschlecht dargebracht werden.) hin und deutet damit an, dass auch er als erstes und letztes Glied des gesamten Menschengeschlechts blühen wird, bis es der Gottheit gefallen wird, unser Leben der Zeit der Frühlingswende gleich zu machen, indem sie die tückische Habsucht, die Quelle des unglücklichen Lebens, aus der Welt schafft.