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Werke Syrische Dichter Ausgewählte Gedichte des Jakob v. Batnä in Sarug Ausgewählte Gedichte des Jakob v. Batnä in Sarug (BKV)
7. Gedicht über den rechten Räuber.

4.

Um all diese sich aufdrängenden Bedenken und Zweifel kümmerte sich der Räuber nicht; ohne Anstoß zu nehmen, wandte er sich flehend an den Gekreuzigten, obwohl ihn von allen Seiten der Sturm der Treulosigkeit umwehte und das Hohngelächter von den Lippen aller an sein Ohr tönte, obwohl die Gotteslästerungen wie die Wogen des Meeres von den Kreuzigern her auf ihn zu brausten und das Volk zu einem wütenden Gießbach von Sündern geworden zu sein schien, [260] obgleich jeder, der des Weges kam, sein Haupt schüttelte und spottend weiterging, und alle, die zufällig hinzu- S. 370 kamen, hohnlachend vorüberziehen, obwohl von den Schriftgelehrten vielerlei vorgebracht und von den Priestern Lügen verbreitet wurden, obwohl Annas ihn frivol verspottet und verhöhnt hatte und auch Kaiphas ein Organ für die Stimmen der Schmähenden geworden war, obwohl die Stimmen des Zweifels sich mächtig geltend machten, trotz alledem ließ der Ruf jenes Räubers das laute Bekenntnis erschallen. Obwohl der fanatische Gesang der Spötter erdröhnte, sang der Wahrhaftige sein anmutiges Lied mitten im Getöse. [270] Obwohl ihn der große Lärm einschüchtern und aufregen mußte, rief er doch dem Messias zu: „Gedenke meiner, Herr, wenn Du kommst!“ Während das Geprassel des Hagels auf sein Ohr niederdröhnte, sproßten, wuchsen und reiften die Früchte seines Glaubens; obgleich alle Stürme tobten, flammte dennoch sein Licht auf und wurde von den Nachstellungen nicht erreicht. Obgleich die Wogen sein Schiff brausend umtosten, um es zum Sinken zu bringen, entging es mit kräftigem Ruderschlag dem Meer des Zweifels. Obwohl die Wellen es wie eine Sturmflut umtobten, erreichte es dennoch im Holz des Kreuzes einen rettenden Hafen und versank nicht. [280] Während es die Lüge auf allen Seiten anzubohren suchte, trieb es Flügel und erhob sich und landete hoch in der Luft. Im Fluge stieg sein Glaube empor, entging so den Nachstellungen und erbaute sein Nest in der Dornenkrone, die Jesus trug. Er machte sich ringsum eine Schutzwehr aus Dornen und leistete von dort aus den Bedrängern, die ihn umgaben, Widerstand. Er flüchtete sich in das mit zahlreichen Dornen besetzte Nest, dort schadeten ihm die Klauen der räuberischen Feinde nicht, die ihm nachstellten. Unter den Dornen suchte das verfolgte Vöglein Zuflucht, vor den Schmeicheleien dessen, der es fangen wollte. [290] Ihm kamen die Leiden Jesu zu statten und es freute sich dessen; denn auch Nahrung kam ihm aus seinen Wunden. Es öffnete seinen Mund, gierig saugte es das Blut, das aus den Wunden floß, und fing mit Freuden den Strom auf, den diese ihm zuführten. Es sammelte den Speichel von seinem Angesicht und sättigte sich damit, seinen Trank entnahm es dem Kanal inmitten seiner S. 371 Seite. Man hatte das Rohr mit Bitterkeit und Essig bestrichen und ihm so gereicht, damit die Lanzenspitze hängen bleiben und sich nicht vom Schafte loslösen sollte. Man brachte die große Lanze, um ihn damit zu durchstechen, durchbohrte seine Seite, aber siehe, sie trennte sich nicht von ihrem Schafte. [300] Die Bedränger sahen das Vöglein, wie kühn es war, sie gerieten darüber in Wut und warfen eifrig mit Steinen nach ihm, aber es stieg nicht zu ihnen herab. Mitten in den Dornen ließ es ein Lied erschallen in herrlichen Tönen, gleich der einer Schwalbe war seine Stimme voller Anmut. Es legte den Mund voller Liebe an das Ohr Jesu und flüsterte ihm klagend und stotternd zu. Dann erhob es seine Stimme, während der Glaube ihm zuflüsterte in dem großen Leide: „In Deinem Reiche gedenke meiner, o Herr, wenn Du hinkommst! Siehe, ich nehme meine Zuflucht zu Dir, da ich von allen Seiten verfolgt werde! Verstoß mich nicht, damit ich nicht von Dir zu den Fremden fliehen muß! [310] Siehe, alle Stürme umtobten mich, da ich mich nicht an Dir festhielt, aber verächtlich sind sie geworden, sowie ich zur Höhe Deines Kreuzes emporstieg. Wie eine Schlange zischte mich Kaiphas an, aber jetzt, da ich in Deinem Neste bin, berühren mich die bitteren Schmähungen, die er ausspeit, nicht. Siehe, die Schlange Annas zischte mich an, wenn ich zu ihr hinabstiege, aber jetzt bin ich sicher davor, daß sie mich nicht verwundet, da ich zu Dir geflohen. Siehe, der verräterische Drache Judas kroch gegen mich heran, aber ich war schlauer als Daniel1, so daß ich ihm entkam. Siehe, es richtet jener große Basilisk von einem Priester seinen Blick auf mich, aber ich habe das Salz Deiner Liebe bei mir, um ihn zu blenden2. [320] Siehe, der gewaltige Satan ist gegen mich zum S. 372 Kampfe ausgezogen, aber meine guten Schwingen bieten mir eine Gewähr dafür, daß er mich nicht erreicht!“

Das ist der Gesang des Glaubens, der vom Räuber her erscholl, aber der große Lärm der Henkersknechte verstummte nicht. Was war es doch, das den Verständigen dies gering schätzen ließ, was gab dem Standhaften die Kraft, diese Anstrengung zu überwinden, welcher Lohn war ihm für diese Arbeit in Aussicht gestellt als einzig und allein das Himmelreich mit dem Paradies? Heil dem rührigen Arbeiter, der in einer Stunde Arbeit für Jahre geleistet und in einem Augenblick den Weg der Gerechtigkeit begonnen und auch vollendet hat! [330] Seine gute Absicht legte viele Meilen auf dem Wege der Vollkommenheit zurück, mit Hilfe seines freien Willens gelangte er zu jener bleibenden Wohnung im Reiche. Er allein war dem Könige gefolgt von allen seinen Dienern, während all die Scharen ihn verlassen hatten und wie elende Feiglinge geflohen waren. Er sah den König, da er von seinen Feinden durchbohrt wurde und wie ihn die Scharen der Verbrecher in roher Weise hin- und herzerrten. In jener Zeit, da der König inmitten der Rotte mißhandelt wurde, war er der einzige, der ihm gefolgt war, um sich ihm bittend zu nahen: „In Deinem Reiche gedenke meiner, o Herr, wenn Du hinkommst! Da ich Deine Schmach gesehen, möge ich auch Deine Herrlichkeit empfangen und bei Dir sein!“ [340]


  1. Anspielung auf die Schlauheit, mit der Daniel den Betrügereien der babylonischen Priester auf die Spur kam und die göttlich verehrte Schlange tötete. Vergl. Dan. 14. ↩

  2. ↩

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Übersetzungen dieses Werks
Ausgewählte Gedichte des Jakob v. Batnä in Sarug (BKV)
Kommentare zu diesem Werk
Einleitung über Leben und Schriften Jakobs von Sarug

Inhaltsangabe

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