III.
8. Vermögend aber ist Gott, jegliche Gnade an euch voll zu machen.
Durch das Gebet beseitigt er einen Einwand, der sich so gerne gegen solche Freigebigkeit erhebt, und der auch jetzt noch Vielen ein Hinderniß ist. Denn Viele nehmen Anstand, Almosen zu geben, indem sie sagen: Ich könnte sonst arm werden, könnte fremder Hilfe bedürfen. Diese Befürchtung nun will Paulus verbannt wissen; darum fügt er das Gebet hinzu und sagt: „Vermögend aber ist Gott, jegliche Gnade an euch überströmen zu lassen;“ nicht bloß voll zu machen, sondern „überströmen zu lassen“. Und was ist denn dieses Über- S. 317 strömen der Gnade“? Es ist die Ausstattung mit so reichen Gütern, daß eurer Großmuth im Geben keine Schranke mehr gesetzt ist. „Damit ihr in Allem immerdar genügendes Auskommen habet und überströmet an jeglichem guten Werke.“
Siehe, wie auch aus dem Gebete seine Weisheit leuchtet! Denn er betet nicht um Reichthum und Überfluß, sondern um das „genügende Auskommen“. Und wenn wir Das an ihm bewundern, daß er nicht um das Überflüssige bittet, so verdient Das nicht mindere Bewunderung, daß er sie in milder Nachsicht für ihre Schwäche nicht drängt oder zwingt, vom eigenen Mangel zu geben, sondern um ihr Auskommen bittet und ihnen zugleich nahe legt, daß man Gottes Geschenke nicht mißbrauchen dürfe. „Daß ihr überströmet,“ sagt er, „an jeglichem guten Werke.“ Darum bitte ich um Irdisches, will er sagen, damit ihr auch Anderen mittheilet. Doch sagt er nicht: Damit ihr mittheilet, sondern: „Daß ihr überströmet“ im Geben. In den leiblichen Dingen bittet er für sie um das Auskommen, in den geistigen Gütern aber um Überfluß, und Das nicht allein beim Almosen, sondern auch bei allem übrigen Guten. Darum sagt er: „An jeglichem guten Werke.“ Dann führt er den Propheten mahnend ein und wählt einen Ausspruch, der zur Reichlichkeit auffordert, wenn er sagt: Gleichwie geschrieben steht:
9. Er hat ausgestreut, hat den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit währt in Ewigkeit.
Das ist jenes „Überströmen“ im Geben. Denn das „Ausstreuen“ bedeutet nichts Anderes als das reichliche Geben. Denn wenn auch die Gabe selbst nicht bleibt, so bleibt doch die Frucht der Gabe. Das ist ja das Wunder- S. 318 bare, daß die Schätze, die man bewahrt, vergehen, und die man ausstreut, bleiben und immerdar bleiben. Unter Gerechtigkeit aber versteht hier der Apostel die Wohlthätigkeit; denn sie macht gerecht und verkehrt dem Feuer gleich die Sünden, wenn sie mit Reichlichkeit sich ergießt.
So laßt uns denn nicht kärglich geben, sondern aus vollen Händen streuen! Siehst du nicht, wieviel Andere an Schauspieler und Buhlerinen verschwenden? So gib doch Christus wenigstens die Hälfte von Dem, was Jene den Tänzern geben; so versage doch Das einem Hungernden nicht, was Jene aus Prahlsucht an die Schauspieler vergeuden! Jenen ist kein Gold zu viel, um Buhlerinen zu schmücken; du hüllst Christi Fleisch nicht einmal in dürftiges Gewand, obschon du es unbekleidet siehst. Wie soll Das Vergebung und nicht vielmehr die ärgste Strafe verdienen, wenn Jener für ein Weib, das ihm Schande und Verderben bringt, solchen Aufwand macht, während du Dem nicht das Geringste gewährst, der dir Heil und Ehre verschafft? Ja beim Aufwand für Mahl und Gelage und Üppigkeit kommt dir niemals der Gedanke an Armuth; sollst du aber der Armuth aufhelfen, so bist du auf einmal ärmer als Alle. Du unterhältst Schmarotzer und Schmeichler und bist dabei so wohlgemuth, als wäre dein Reichthum unerschöpflich; siehst du aber einmal einen Bettler, so befällt dich plötzlich die Furcht vor Armuth. So kommt es denn, daß einst das eigene Bewußtsein uns verurtheilen, und daß Andere, Gerechte wie Sünder, gegen uns aufstehen werden. Denn so wird der Richter zu dir sprechen: „Warum bist du nicht großmüthig gewesen in geziemenden Dingen ? Wenn Der, welcher einer Buhlerin gab, nicht an die Armuth dachte, warum bist du voll Furcht und Zagen, wenn du dem Herrn gibst, der doch gesagt hat, du sollst nicht ängstlich dich kümmern? Wie solltest du Vergebung verdienen?“ — Denn wenn schon ein Mensch der Wohlthat nicht vergißt, ohne Dank zu erstatten, um so weniger dann Christus. Wenn er schon S. 319 gibt, bevor er empfangen hat, wird er wohl nach dem Empfange nicht geben?
„Wie nun,“ sagst du, „wenn es Manche gibt, die Alles verschenkt haben und ausserdem, daß sie Nichts dagegen empfingen, zuletzt noch Anderer bedürfen?“ Da sprichst du mir von Solchen, die Alles aufgewendet haben, während du selbst nicht einen Heller gibst. Versprich mir zuerst, Alles zu erschöpfen, und dann komme mit solchen Fragen! Solange du aber so kärglich bist und so wenig von dem Deinigen gibst, was bringst du mir da Bedenken und Einwände? Wir führen dich ja auch gar nicht auf die höchste Stufe der Besitzlosigkeit; wir verlangen einstweilen nur, dem Überflüssigen zu entsagen und dich mit dem ehrlichen Auskommen zu begnügen. Das Auskommen aber beschränkt sich auf den Bedarf Dessen, ohne was man nicht leben kann. Niemand will dir Das nehmen, Niemand das tägliche Brod dir wehren: das tägliche Brod, sage ich, nicht schwelgerische Mahle (τροφὴν, οὐ τρυφήν), eine vernünftige Kleidung, nicht Prunkgewänder.
Ja, wenn man die Sache genau betrachtet, so liegt gerade in dieser Einfachheit der lauterste Genuß. Erwäge nur! Von welchem werden wir sagen, er habe reinere Genüsse, von Dem, der von Gemüse lebt und sich dabei gesund und behaglich fühlt, oder von Dem, der an sybaritischem Mahle sitzt und dabei nicht weiß, wo seine Gebrechen anfangen und aushören? Offenbar von Jenem. So verlangen wir denn auch nicht mehr als Dieses, wenn wir sowohl einen Genuß haben als gesund leben wollen! Und so wollen wir auch das Auskommen verstehen. Wer mit Bohnen sich begnügen und dabei gesund bleiben kann, der verlange nichts Weiteres; wer aber schwächer ist und der Hilfe des Kohls bedarf, auch Dem sei es unverwehrt! Ist aber Jemand noch schwächer und bedarf einer angemessenen Unterstützung durch Fleischspeisen, so wollen wir ihn auch daran S. 320 nicht hindern. Denn unsere Rathschläge haben ja nicht den Zweck, die Menschen zu schädigen und zu verderben, sondern nur das Überflüssige zu beschneiden; überflüssig aber ist Alles, was über das Bedürfniß hinausgeht. Denn können wir auch ohne Dasselbe gesund und anständig leben, so ist es zweifellos eine überflüssige Zugabe.