III.
Kap. XI.
1. Seid Nachahmer von mir, so wie auch ich es bin von Christus.
Das ist die Regel des vollkommensten Christenthums; das ist das vollkommenste Gesetz und der höchste Gipfel der Vollkommenheit, nämlich Dem nachzustreben, was gemeinnützig ist; das zeigt er durch den Beisatz: „Sowie auch ich es bin von Christus;“ denn Nichts macht uns so zu Nachfolgern Christi als die Sorge um das Wohl des Nächsten. Du magst fasten, auf der bloßen Erde schlafen, magst dich selber erdrosseln:1 wenn du dich des Nebenmenschen nicht annimmst, so thust du nichts Großes und bleibst bei diesem Gebaren noch weit hinter jenem Vorbild zurück. Hier ist die Sache an sich schon nützlich, nämlich die Enthaltung von den Opferspeisen; ich habe aber, sagt er, auch Vieles gethan, was an sich nicht nützlich ist, wie die Beschneidung, die ich vorgenommen, und das Opfer, das ich gebracht. Wenn man diese Dinge an und für sich betrachtet, so bringen sie Demjenigen, der sie ausübt, Verderben und den Verlust des Heiles; und dennoch habe ich es gethan, und zwar wegen des Gewinnes für Andere. Hier aber gilt Nichts dergleichen: denn dort, wo kein Nutzen ist, und die Sache nicht um der Andern willen geschieht, ist sie schädlich; hier aber ist es Pflicht, sich des Verbotenen zu enthalten, wenn sich auch Niemand darob ärgern würde. Nicht nur das Schädliche, sondern auch das Mühevolle habe ich ertragen; denn „andere Kirchen habe ich ausgebeutet, indem ich Sold annahm,“2 und da ich essen konnte, ohne zu arbeiten, so suchte ich Das nicht, sondern wollte S. 428 lieber vor Hunger sterben, als Andern Anstoß geben. Darum sagt er: „Ich bin in Allem Allen zu Gefallen;“ sei es, daß ich Etwas gegen das Gesetz oder etwas Mühsames und Gefahrvolles thun soll, ich unterziehe mich Allem zum Vortheile Anderer.
Sowie er nun in Bezug des vollkommenen Wandels Alle weit überragt, so stellt er sich durch seine Demuth tief unter die Andern; denn keine Tugend kann wohl groß genannt werden, wenn aus derselben kein Gewinn für Andere fließt, wie Dieses aus dem Beispiele jenes Knechtes erhellet, der sein Talent unverändert wieder brachte und entzwei gesägt wurde3 weil er damit nicht gewuchert hatte. So thust auch du nichts Großes, mein Bruder, wenn du fastest, auf der Erde schläfst, Asche verzehrest4 und beständig weinest, falls du keinem Andern nützest. Dieser Gewinn für Andere war das vorzüglichste Bestreben jener großen und edeln Männer, welche in den ersten Zeiten der Kirche gelebt haben. Durchforsche genau das Leben derselben, und du wirst klärlich einsehen, daß Keiner von ihnen den eigenen Vortheil, sondern Jeder den des Nächsten im Auge gehabt; und dadurch erscheinen sie nur um so glänzender. So that Moyses große Zeichen und Wunder; allein Nichts macht ihn so groß als jenes selige Wort, das er zu Gott sprach: „Wenn du ihnen die Sünde vergibst, so vergib sie, wo nicht, so vertilge auch mich!“5 Ein solcher Mann war auch David, der da sprach: „Ich, der Hirt, habe gesündigt und Böses gethan; dieses Volk aber, was hat es begangen? Deine Hand komme über mich und über das Haus meines Vaters!“6 So suchte auch Abraham nicht seinen persönlichen Vortheil, sondern was Vielen frommte. Darum setzte er sich selbst der Gefahr aus und legte für fremde Menschen bei Gott Fürbitte ein. So S. 429 wurden diese Männer berühmt; die aber nur auf ihren eigenen Vortheil bedacht waren, — siehe, wie sie zu Schaden gekommen! Nachdem Abrahams Vetter die Worte gehört: „Ziehst du zur Rechten, so zieh’ ich zur Linken,“7 und so die freie Wahl erlangt hatte, suchte er bloß seinen eigenen Nutzen, gewann aber dabei keinerlei Vortheil: denn sein Land ging durch Feuer zu Grunde, hingegen blieb Abrahams Gegend verschont. Jonas kam in Lebensgefahr, weil er bloß für sich und nicht auch für Andere zu sorgen gedachte; die Stadt blieb stehen, er aber wurde in’s Meer geworfen und von den Fluthen umhergetrieben. Sobald er aber Andern nützlich zu werden suchte, fand er auch seinen eigenen Vortheil. Ebenso wurde Jakob an Schafheerden reich, weil er sich nicht selber bereichern wollte. Und Joseph, der auf das Wohl seiner Brüder bedacht war, fand dadurch sein eigenes Wohl. Denn als ihn der Vater hinsandte, sprach er nicht: Wie? hast du nicht gehört, daß sie mich wegen eines Gesichtes und wegen Träumen zerreissen8 wollten, wegen der Träume verklagten und, weil du mich liebst, sich an mir rächten? Was werden sie mir nun anthun, wenn ich in ihre Hände gerathe? Er dachte und sprach Nichts Dergleichen, sondern zog die Sorge für das Wohl seiner Brüder allem Andern vor. Darum ward er in der Folge so sehr beglückt und dadurch so berühmt und glänzend. Ebenso Moyses; denn warum sollten wir ihn nicht zum zweiten Mal anführen, um zu zeigen, wie er so ganz uneigennützig, bloß für Andere besorgt war? Obgleich im Palaste des Königs erzogen, achtete er doch die Schmach für größern Reichthum als die Schätze Ägyptens, warf Alles bei Seite, was er besaß, und ward ein Mitgenosse der Drangsale unter den Hebräern; und so befreite er diese aus der Sklaverei, statt selber ein Sklave zu werden. Das ist nun zwar etwas Großes und würdig, eines englischen Wandels.
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Κἂν ἀπαγχονήσῃς σαυτόν. Arnoldi übersetzt: magst dich mit Asche bestreuen. ↩
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II. Kor. 11, 8. Von den armen macedonischen Kirchen nahm der Apostel, was ihm sonst die reichen Korinther hätten verabreichen sollen. Reischl. ↩
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Διχοτομηθείς. ↩
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Τέφραν ἐσθίῃς. ↩
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Exod. 32, 32. ↩
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II. Kön. 24, 17. 18. ↩
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Gen. 13, 9. ↩
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Διασπάσαι. ↩