1.
Dein Licht, o Herr, möge meinen Geist geleiten, während ich in das Reich der Finsternis eindringe, um die wütende Bestie, welche darin wohnt, zu fesseln und allen zu zeigen! Denn Du hast dem Satan zum Besten Deiner Herde Ketten und Maulkorb angelegt, aber dennoch fürchten sich die Lämmer Deiner Weide, wenn er in seinen Ketten brüllt. Das Reich Satans ist die Nacht, darum erleuchte Du, o Gott, meinen Verstand, damit ich die Unerfahrenen belehre, daß es ihm nicht gestattet ist, seine Wut am Menschengeschlechte auszulassen. [10] Die Leuchte Deines Wortes helfe mir, im Buche seiner Gedanken zu lesen, durch welche Kunstgriffe er die Welt verwirrt, da ihm keine Anwendung von Gewalt erlaubt ist. Der Teufel übt allerhand Trug, um dadurch die Unwissenden bestürzt zu machen, und obgleich er ihnen nicht schaden kann, verwirrt er sie durch seine Kniffe. [20] Löwengleiches Gebrüll stößt er aus, obgleich die Macht, welche ihn gefesselt hält, ihm überlegen ist. Aus Angst vor seiner Stimme flieht die Herde auseinander, obgleich er doch nicht imstande ist sie zu verderben. Der Teufel gleicht einem gefesselten und mit einem Maulkorb versehenen Löwen; er kann wohl gewaltigen Schrecken einjagen, ist aber nicht fähig Schaden anzurichten. Die überirdische Allmacht hat ihm einen Maulkorb angelegt und ihn dann auf Erden losgelassen, um Schrecken einzuflößen. [30] Seinen bösen Willen kann er nur durch Zornausbrüche auslassen, aber der Stachel der Gewaltanwendung bleibt ihm versagt.
Nicht, o Herr, möge es meiner Zunge schwer fallen, die Angelegenheiten Satans darzustellen, damit man nicht sagen könne, er habe mich verwirrt, weil ich ihn bloßzustellen gedroht hätte! Denn ich habe ja begonnen, den Menschen zu zeigen, daß der Teufel nur eine S. 173 Zuchtrute ist und niemals dazu kommen kann, irgend welchen Schaden anzurichten, außer wenn es ihm der Herr gestattet. [40] Hierdurch erkläre ich ihn ebensowenig für unschuldig, als ich ihm irgend eine Macht zuschreibe, sondern ich verurteile seinen bösen Willen, welcher gerne alles verderben möchte. Er ist ein Löwe, welchen die Gerechtigkeit gefesselt hat und an ihrer Pforte als Schreckmittel sich niederkauern läßt, damit er sich dessen bemächtige, welcher sich ihrem Joche entziehen will, und ihn beschädige. Er ist festgebunden am Leitseile der Gerechtigkeit, weil sein eigener Wille stets auf Schädigung ausgeht; [50] zuweilen aber läßt ihn jene los, auf daß er die züchtige, welche gegen sie gesündigt haben. Die Gerechtigkeit hat ihn sich unterwürfig gemacht und ihm einen Maulkorb angelegt, damit er keinen Schaden stifte; aber sein Wille ist nicht unterworfen, sondern, obschon gebunden, doch stets empörerisch. Gleich der Sünde lauert er vor der Türe dessen, welcher aus der Wahrheit herausgeht1, gegen einen solchen läßt ihn die Gerechtigkeit los, damit er ihn strafe, wie sie es will. [60] Der böse Geist darf nämlich nicht solange bei den Menschen verweilen, wie er selbst wünschte; denn der, welcher ihn als Zuchtrute schwingt, schlägt mit ihm, so lange es ihm beliebt. Manchmal trifft er die Kinder, weil ihre Eltern gesündigt haben; um diesen nicht die Buße abzuschneiden, schlägt er ihre Kinder und bewirkt dadurch die Bekehrung der Eltern. Wenn er die Dämonen nach ihrem Belieben Schaden tun ließe, so würde die Erde schon längst unbewohnt sein; [70] denn alsdann würden sie über die Menschheit herfallen und dieselbe in einer einzigen Stunde ausrotten. Kraftlos ist der Stachel der bösen Geister gleich dem der Bienen im Dezember, und sie können damit nicht stechen oder verletzen, weil sie keine Gewalt in ihren Stacheln haben2. Nur unkundige Kinder fürchten sich im Dezember vor der Biene. Auch der Dämon ist nicht so furchtbar als sein Ruf, denn S. 174 seine Kraft zu schaden ist erloschen. [80] Die Biene, welche zwar im Rufe großer Gefährlichkeit steht, aber ohne Stachel zum Gespötte wird, stellt die Blöße des Bösen dar, dessen Ankündigung nur ein Kind erschrecken kann. Die Biene summt im Dezember zwar geräuschvoll herum, kann aber nicht stechen; ebenso schreckt auch der Teufel durch seine Stimme, kann aber nichts verderben oder zerstören.
Auch wenn er unter Geheul ausruft3: „Der und der hat mich gedungen“, darfst du ihm keinen Glauben schenken. [90] Denn er will damit nur Zwietracht anstiften und die Menschen gegen einander aufhetzen. So zerrt er den einen an den Gliedern4, den anderen aber am Herzen5, und ruft rasend aus, um sowohl im Geheimen als auch offen zu sagen: „Man hat mich gedungen“. Er streut Unheil aus, soviel er nur vermag, und wird nie müde, Zwietracht anzufachen; deshalb gibt er sich für gedungen aus, um den Sinn der Einfältigen zu verwirren. [100] Denn wenn er wirklich, wie er lügnerischer Weise behauptet, imstande wäre, für Lohn dem Menschen zu schaden, so würde er ja auch ohne Lohn Schaden anrichten. Dann müßte man ja annehmen, daß er nicht soviel Schaden anstifte, als er vermöchte. Denn unter zehntausenden von Städtebewohnern beschädigt er etwa nur zehn. Dann wäre er ja mitleidiger als die Räuber, welche oft ganze Städte verwüsten. Wenn er also imstande wäre viele zu beschädigen, und doch nur wenigen ein Leid antäte, [110] so wäre er gütig und S. 175 barmherzig und würde mit Unrecht als der Böse verflucht; und wie könnte dann das höllische Feuer und die Qual der Lohn seiner Verbrechen sein? Aber in Wahrheit breitet er nach allen Richtungen hin seine Flügel aus, um die Menschen zu verwirren; seine Fallstricke streut er aus wie eine Saat, um die Unverständigen einzufangen und zum Zank zu verleiten. Aus der Entfernung schürt er das Feuer und aus seinen Fesseln heraus facht er Streitigkeiten an. [120]
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Vgl. Gen. 4, 7. ↩
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d. h. an sich können die Bienen im Winter ebenso gut stechen wie im Sommer, aber sie stechen tatsächlich nicht, weil sie sich in einer Art Halbschlaf befinden. ↩
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Man soll dem Teufel nicht glauben, wenn er behauptet, er habe im Auftrag eines Menschen einem anderen Schaden zugefügt. Denn dies ist bloß ein lügnerisches Vorgehen, um die Betreffenden miteinander zu verfeinden. Könnte nämlich der Teufel im Auftrag eines Menschen, also nicht als Werkzeug Gottes, sondern nach eigenem Belieben schaden, so würde er wegen seiner absoluten Bosheit auch unaufgefordert Schaden tun und bald die ganze Welt vernichten. ↩
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Den Besessenen, welchen er rufen läßt, daß jemand seine Besessenheit durch Zauberei bewirkt habe. ↩
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Die Verwandten und Angehörigen des Besessenen, welche durch diese Aussage des Dämons zu Haß und Feindschaft gegen den vermeintlichen Urheber ihres Unglücks bewogen werden. ↩