12. Die Christen sind wegen ihrer Furcht vor ewiger Strafe die besten Stützen des Thrones.
Ihr habt aber in der ganzen Welt keine bessern Helfer und Verbündeten zur Aufrechthaltung der Ordnung als uns, die wir solches lehren, wie, daß ein Betrüger, Wucherer und Meuchelmörder so wenig wie ein Tugendhafter Gott verborgen bleiben könne und daß ein jeder ewiger Strafe oder ewigem Heile nach Verdienst seiner Taten entgegengehe. Denn wenn die Menschen insgesamt zu dieser Überzeugung kämen, so würde niemand für die kurze Zeit dem Laster sich hingeben, weil er wüßte, daß er der ewigen Strafe im Feuer entgegengehe1, sondern man würde auf alle Weise sich zusammennehmen und mit Tugend schmücken, um der göttlichen Belohnungen teilhaftig zu werden und von den Strafen frei zu bleiben. Denn diejenigen2, welche jetzt wegen der von euch aufgestellten Gesetze und Strafen einerseits bei ihren Vergehen unentdeckt zu bleiben suchen, anderseits aber doch Verbrechen begehen, weil sie sich der Möglichkeit bewußt sind, daß sie vor euch; die ihr Menschen seid, unentdeckt bleiben können, die würden, wenn sie unterrichtet und überzeugt wären, daß vor Gott weder eine Handlung noch auch ein Gedanke verborgen bleiben kann, schon um dessentwillen, was ihnen bevorsteht, auf alle Weise in Schranken bleiben, wie ihr auch zugestehen werdet. Doch es sieht so aus, als besorgtet ihr, es möchten alle das Rechte tun und ihr hättet dann nichts mehr zu bestrafen; aber das wäre ein Standpunkt, der wohl Henkern anstände, nicht aber guten Fürsten. Wir sind übrigens sicher, daß auch dies, wie wir vorhin S. 76 angedeutet haben, von bösen Geistern eingefädelt wird, welche auch von denen, die nicht nach der Vernunft leben, Weihrauch, Opfer und Verehrung verlangen. Aber bei euch, die ihr nach Frömmigkeit und Weisheit strebt, haben wir kein unvernünftiges Handeln vorausgesetzt. Zieht aber auch ihr den Unvernünftigen gleich das Herkommen der Wahrheit vor, so tut, was ihr könnt! Denn nur so viel vermögen auch die Herrscher, denen der Wahn höher steht als die Wahrheit, wie die Räuber in der Wüste. Daß ihr aber mit euren Opfern kein Glück haben werdet, bezeugt der Logos, der königlichste und gerechteste Herrscher, den wir nächst Gott, seinem Erzeuger, kennen. Denn wie alle sich sträuben, von ihren Eltern Armut oder Krankheit oder Schande als Erbe zu übernehmen, so wird auch der Verständige sich nicht dafür entscheiden, was der Vernunftgeist ihm zu erwählen verbietet. Daß das alles so geschehen werde, hat, sage ich, unser Lehrer Jesus Christus, der Sohn und Gesandte Gottes, des Vaters und Herrn des Weltalls, vorhergesagt, nach dem wir den Namen Christen erhalten haben. Dadurch werden wir auch voll Zuversicht in Bezug auf alles, was er uns gelehrt hat, weil es sich herausstellt, daß tatsächlich alles eintrifft, was er als zukünftig vorausgesagt hat; denn das ist Gottes Werk, vor dem Geschehen vorherzusagen und dann es so geschehen zu lassen, wie es vorhergesagt worden ist3.
Wir könnten nun hiermit schließen, ohne etwas weiteres hinzuzufügen, in dem Bewußtsein, daß wir Gerechtes und Vernünftiges verlangen. Weil wir aber wissen, daß eine im Irrtum befangene Seele nicht in kurzer Zeit sich anders besinnt, haben wir uns gerne entschlossen, um die Wahrheitsfreunde zu überzeugen, noch einiges beizufügen, wissend, es sei nicht unmöglich, daß vor der Wahrheit der Irrtum das Feld räume.
Der hl. Justin lehrt also bestimmt die Ewigkeit der Höllenstrafen. ↩
Mit Thirby und Veil ist am Anfang dieses Satzes οἱ statt οὐ zu schreiben. ↩
Hiermit schloß der erste Entwurf der Apologie Justins. Was folgt, ist weitere Ausführung des bisher Gesagten, es ist vor allem eine eingehendere Darstellung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre und des christlichen Kultus; dabei nimmt der Beweis für die Gottheit Christi den meisten Raum ein. ↩
