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Hierauf mahnt uns Celsus, „wir sollten der Vernunft und einem vernünftigen Führer bei der Annahme von Lehren folgen; denn wer ohne diese Vorsicht manchem zustimme, fiele durchaus dem Betrug S. 15 anheim“. Er zieht zum Vergleiche „Leute heran, die Bettelpriestern und Zeichendeutern unvernünftig Glauben schenken, und (angeblichen) Dienern des Mithras und Sabazios und (Wunderdingen) von irgendwelcher Art, auf die einer gestoßen ist, Erscheinungen der Hekate oder einer anderen Göttin oder anderer Götter.“ Denn wie bei jenen Dingen oft schlechte Menschen die Unkenntnis der Leichtgläubigen benutzen und sie dahin führen, wohin sie wollen, so„ sagte Celsus, “ gehe es auch bei den Christen zu„. Er behauptet: “einige von ihnen hätten gar nicht die Absicht, von dem, was sie glaubten, Rechenschaft zu geben oder zu nehmen, sie folgten dem Grundsatz: 'Prüfe nicht, sondern glaube!' und 'dein Glaube wird dich retten'1Er legt ihnen auch die Worte in den Mund: [*„Ein Übel ist die Weisheit in der Welt, ein Gut aber die Torheit.“2 Wir antworten darauf: Wenn es möglich wäre, dass alle Menschen sich von den Geschäften des Lebens freimachen und ihre ganze Zeit auf das Studium der Philosophie verwendeten, so dürften sie keinen anderen Weg einschlagen als diesen allein. Denn im Christentum wird sich, damit ich mich nicht zu derb ausdrücke, keine geringere Prüfung der Glaubenslehren, keine geringere Auslegung der dunklen Stellen in den Propheten und der Gleichnisse in den Evangelien und von tausend anderen symbolischen Tatsachen oder gesetzlichen Anordnungen finden lassen als anderswo. Wenn aber dies nicht möglich ist, wenn wegen der Sorgen und Mühen, die das Leben mit sich bringt, und wegen mangelnder geistiger Begabung sich nur wenige der Wissenschaft widmen, welcher andere Weg, um der großen Menge zu helfen, dürfte wohl gefunden werden, der besser wäre, als der Weg, den Jesus den Völkern überliefert hat?
S. 16 Wir fragen hinsichtlich der Menge der Gläubigen, die sich von der großen Flut des Lasters, in der sie früher sich wälzten, frei gemacht haben, ob es für sie besser ist, dass sie, ohne die Vernunft zu befragen, geglaubt und ihr sittliches Leben in Ordnung gebracht, und wegen ihres Glaubens, dass die Sünden bestraft, die guten Werke aber belohnt werden, geistlichen Nutzen erfahren haben, oder dass ihre mit einfachem Glauben verbundene sittliche Besserung nicht eher anerkannt wird, als bis sie die Glaubenslehren gründlich geprüft hätten? Offenbar nämlich würde diese Prüfung der Gesamtheit mit ganz wenigen Ausnahmen nicht einmal das gewähren, was der einfache Glaube verleiht; die Mehrzahl würde ihr lasterhaftes Leben fortsetzen. Wenn es nun irgendeinen anderen Beweis dafür gibt, dass „die Menschenliebe“ des Wortes3 nach Gottes Absicht in das Leben der Menschen eingetreten ist, so muß man auch diesen Beweis mit dazu rechnen. Denn der Fromme wird nicht einmal glauben, dass ein Arzt, der vielen Kranken zur Gesundheit des Leibes verholfen hat, ohne göttliche Schickung in die Städte und zu den Leute gekommen ist; unter den Menschen geschieht ja nichts Gutes ohne Gottes Willen. Wenn aber der, welcher vielen Kranken körperliche Gesundheit oder Besserung verschafft, dies nur nach Gottes Willen tut, um wieviel mehr wird dies bei dem der Fall sein, der sie Seelen vieler geheilt und bekehrt und gebessert und von dem über allen waltenden Gott abhängig gemacht und angeleitet hat, jede Handlung nach Gottes Wohlgefallen einzurichten und alles bis zu dem geringsten Wort oder der geringsten Handlung oder dem geringsten Gedanken zu meiden, was ihm mitßfällt!
