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Vielleicht hat Celsus den Ausspruch : „Es gibt einen Gott, nach ihm kommen dann wir“ von einigen Leuten gehört, die er „Regenwürmer“ benennt. Er handelt da gerade so, wie wenn jemand eine ganze Philosophenschule für die Äußerungen eines vorlauten jungen Menschen verantwortlich machen wollten der erst drei Tage Unterricht bei einem Philosophen genossen hat und dann auf die andern Leute vornehm herabsieht, da sie von Philosophie keinen Begriff hätten und tief unter ihm ständen. Denn was uns betrifft, so wissen wir, dass es vieles gibt, was höher steht als der Mensch. Wir lesen nämlich in der Schrift: „Gott steht in der Versammlung der Götter“1 . Es sind da nicht Götter gemeint, die von den Nichtchristen angebetet werden; denn „alle Götter der Heiden sind Dämonen“2 . Die Schrift sagt uns auch, dass „Gott, in der Versammlung der Götter stehend, in ihrer Mitte die Götter S. 332 richtet“3 . Wir wissen ferner: „Wenn es auch sogenannte Götter gibt, sei es im Himmel, sei es auf Erden - wie es ja auch viele Götter und viele Herren gibt -, so haben wir doch nur e i n e n Gott, den Vater, aus dem alles ist, und für den wir sind, und e i n e n Herrn Jesus Christus, durch den alles ist, und wir durch ihn“4 . Wir wissen aber, dass auch die Engel in der Weise den Vorrang vor den Menschen haben, dass die Menschen werden „wie die Engel“5 , wenn sie zur Vollendung gelangt sind; „denn in der Auferstehung der Toten freien sie weder, noch lassen sie sich freien, sondern“ die Gerechten „sind wie die Engel der Himmel“6 und werden „wie die Engel“7 . Es ist uns auch nicht unbekannt, dass es in der Verfassung der Welt einige Wesen gibt, die „Thronen“, und andere, die „Hoheiten“, und andere, die „Gewalten“, und andere, die „Herrschaften“ heißen8 ; und wir sehen, dass wir Menschen zwar weit hinter diesen zurückbleiben, aber hoffen können, ihnen allen ähnlich zu werden, wenn wir ein sittliches Leben führen und ganz nach der Vorschrift unseres Glaubens handeln.
Und zum Schluß, da „es noch nicht offenbar geworden ist, was wir sein werden, so wissen wir, dass, wenn er sich offenbaren wird, wir Gott ähnlich sein und ihn sehen werden, wie er ist“9 . Sollte indessen einer die Behauptung aufstellen: „Es gibt einen Gott, nach ihm kommen dann wir“, weil er dies von einigen gehört hat, sei es, dass diese verstehen, was sie sagen, oder es nicht begreifen, sondern eine wahre Lehre falsch verstanden haben, so könnte ich die Worte so erklären, dass ich unter „Wir“, „die Vernunftwesen“, und noch besser „die tugendhaften Vernunftwesen“ verstehen. Denn nach unserer Meinung ist die Tugend bei allen seligen Wesen von der nämlichen Art, so dass auch die Tugend beim Menschen dieselbe ist wie die S. 333 Tugend bei Gott. Deshalb wird uns gelehrt, wir sollten vollkommen werden, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist10 . Kein sittlich Guter also ist einem „im Kote“ schwimmenden „Regenwurme“, kein Frommer einer „Ameise“, kein Gerechter einem „Frosche“ ähnlich, und einen Menschen, dessen Seele von dem hellen Lichte der Wahrheit erleuchtet wird, könnte kein Vernünftiger mit einer „Fledermaus“ vergleichen.
