70.
Celsus hat über das Böse noch folgende Lehre ausgesprochen: „ Wenn dir auch etwas als böse erscheint, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob es wirklich böse ist; denn du weißt ja nicht, was dir oder S. 390 einem andern oder dem Ganzen zuträglich ist.“ Diese Behauptung tritt zwar etwas bescheiden auf, geht aber von der Voraussetzung aus, dass die Natur des Bösen nicht schlechterdings verwerflich sei, weil ja „für das Ganze zuträglich“ sein könne, was für den einzelnen Fall als etwas Schlimmes erachtet wird. Damit jedoch nicht jemand meine Worte mißverstehe, und darin einen Anlaß zu bösen Handlungen finde, als ob auch seine Lasterhaftigkeit dem Ganzen nützlich sei oder wenigstens nützlich sein könne, so wollen wir sagen, dass Gott unter Wahrung der Willensfreiheit bei einem heden Menschen wohl die Schlechtigkeit der Bösen zur Ordnung des Ganzen mitverwendet, indem er sie zum Besten des Ganzen zu lenken weiß, dass aber nichtsdestoweniger ein böser Mensch Tadel verdient und eben, weil er Tadel verdient, zu einer Verwendung bestimmt ist, die jeder einzelne verabscheuen muß, wenn sie auch dem Ganzen nützlich ist. So könnte man von einem Verbrecher, der sich in irgendeiner Stadt gewisser strafbarer Handlungen schuldig gemacht hätte und deshalb zu bestimmten öffentlichen, der Gemeinde nutzbringenden Arbeiten verurteilt worden wären ebenfalls sagen, er tue etwas, was der ganzen Stadt zum Nutzen gereiche, sei aber selbst belastet mit einer fluchwürdigen Tat, die kein auch nur halbwegs Verständiger begangen haben möchte.
Auch Paulus, der Apostel Jesu, belehrt uns, dass dem Bedürfnisse des Ganzen auch die Schlechtesten irgendwie dienen müßten, für ihre Person aber zu den Verworfenen gehören würden; dagegen gereichten die rechtschaffensten Personen dem Ganzen auch zum größten Nutzen und erhielten zur Belohnung ihrer Verdienste den ehrenvollsten Platz angewiesen. Er sagt; „In einem großen Hause gibt es aber nicht nur goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene und zwar die einen zur Ehre, die andern zur Unehre. Wenn nun jemand sich reinigt, so wird er sein ein Gefäß zur Ehre, geheiligt und nützlich dem Herrn, zu jedem guten Werke geschickt“1 . Diese Bemerkungen S. 391 müßte ich, wie ich glaube, zu diesen Worten des Celsus machen: „ Wenn dir auch etwas als böse erscheint, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob es wirklich böse ist, denn du weißt ja nicht, was dir oder einem andern [oder dem Ganzen] zuträglich ist“, damit nicht jemand aus dieser Stelle den Anlaß nehme, zu sündigen, in der Meinung, dass er „dem Ganzen“ wegen seiner Sünde nützen werde.
vgl. 2 Tim 2,20 f ↩
