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Wenn nun Celsus durch seine Erörterungen „die unvernünftigen Tiere als göttlicher und weiser im Vergleich mit den Menschen“ erweisen wollte, so hätte er die Pflicht gehabt, ausführlicher zu begründen, dass S. 415 eine derartige Weissagekunst vorhanden sei, und hierauf ihre Verteidigung deutlicher durchzuführen und mit Beweisgründen sowohl die Ansicht der Leute zurückzuweisen, die derartige Weissagungen verwerfen, als auch die Ansicht derjenigen zu widerlegen, welche behaupten, die Bewegungen der Tiere erhielten von Dämonen oder Göttern ihren weissagenden Charakter; und endlich mußte er zeigen, dass die Seele der unvernünftigen Tiere „göttlicher“ sei. Hätte er das getan und sich bei der Behandlung dieser Dinge so gezeigt, wie man dies von einem Philosophen erwarten muß, so hätten wir versucht, seinen Behauptungen nach Kräften entgegenzutreten. Wir hätten zuerst den Satz widerlegt, dass „die vernunftlosen Tiere weiser als die Menschen seien“, und hätten darauf die Unrichtigkeit seiner Ansicht dargetan, wonach sie „heiligere Vorstellungen von dem Göttlichen haben“ als wir, und gewisse „heilige Gespräche“ untereinander führen. Nun aber fordert dieser Mann, der uns vorwirft, dass wir an den allmächtigen Gott glauben, zugleich von uns den Glauben, dass die Seelen der Vögel reinere und klarere „Vorstellungen“ von der Gottheit hätten als die Menschen. Ist dies wahr, dann haben die Vögel klarere Vorstellungen von Gott als Celsus sie hat. Und dies wäre bei Celsus nicht wunderbar, da er „den Menschen“ in solchem Maße erniedrigt. Ja, wenn es auf Celsus ankäme, so hätten die Vögel erhabenere und göttlichere Vorstellungen, ich will nicht sagen als wir Christen oder als die Juden, die dieselben heiligen Schriften haben wie wir, sondern auch höhere Vorstellungen als die Gottesgelehrten der Griechen, denn diese waren doch auch „Menschen“.
Nach Celsus hat also das Geschlecht der sogenannten „weissagenden Vögel“ das Wesen der Gottheit besser erfaßt als Pherekydes und Pythagoras und Sokrates und Plato. Da hätten wir wirklich zu den Vögeln in die Schule gehen müssen, damit sie, wie sie uns nach des Celsus Ansicht „weissagend“ die Zukunft lehren, so auch „die Menschen“ von der Ungewißheit wegen des Göttlichen dadurch befreien könnten, dass sie ihnen die gründliche Vorstellung davon, die sie selbst gewonnen haben, mitteilen. Folgerichtig müßte also S. 416 Celsus, nach dessen Meinung, „die Vögel höher stehen als die Menschen“, die Vögel und nicht irgendeinen der griechischen Philosophen zu seinen Lehrmeistern nehmen.
