5.
Daß wir uns also nicht fürchten vor dem Fasten, welches uns vor so vielen und großen Übeln bewahrt. Dazu ermahne ich euch gerade heute nicht ohne besondern Grund. Ich muß nämlich sehen, daß viele Christen sich vor der Fastenzeit ganz verdrießlich und wie unschlüssig geberden, nicht anders, als wenn sie einem sehr boshaften und rohen Weibe sich überantworten sollten; und ich muß sogar sehen, daß sie sich heute durch Trunkenheit und Unmäßigkeit beflecken. Darum ermahne ich euch, daß ihr doch den vom Fasten zu erhoffenden Nutzen nicht durch Gefräßigkeit und Trunkenheit vereitelt. Wenn Jemand wegen mangelnder Eßlust bittere Arzneien zu nehmen hat und dann vor dem Gebrauche derselben seinen Magen mit vielen Speisen anfüllt: dann mag er sich immerhin den bittern Trank gefallen lassen, — seine heilsamen Wirkungen werden ausbleiben, weil ihm die Unmäßigkeit den Kampf mit den verdorbenen Säften allzusehr erschwert. Darum schreiben die Ärzte solchen Patienten vor, ohne vorhergegangene Mahlzeit schlafen zu gehen, damit die ganze Kraft der Arznei sogleich gegen die überflüssigen, ungesunden Säfte wirken kann. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Arznei, von der wir hier reden: mit dem Fasten. Wenn du dich heute durch unmäßiges Trinken beschwerst und morgen zu fasten anfängst, dann machst du dein Fasten unnütz und S. 88 werthlos. Dann übernimmst du die Last und verlierst den Gewinn, weil die voraufgehende Sünde der Trunkenheit den ganzen Werth des Fastens gleichsam aufzehrt. Wenn du aber an das Fasten mit einem Leibe herantrittst, der nicht durch Unmäßigkeit beschwert ist, wenn du wahrhaft nüchternen Geistes bist, indem du diese Arznei nimmst, dann kannst du durch das Fasten viele alten Sünden tilgen. Gehen wir also nicht auf dem Wege der Trunkenheit in die Fasten, und gehen wir nicht nach den Fasten gleich wieder zur Trunkenheit über! Das wäre der Seele ebenso verderblich als Fußtritte einem kranken Leibe, der unter solchen Mißhandlungen noch schneller und elender zusammenbricht. So geht es auch der Seele, wenn man vorher und nachher, zu Anfang und zu Ende der Fastenzeit vom Fasten die Veranlassung nimmt, die Seele durch die Nacht der Unmäßigkeit zu verfinstern.1 Gibt es doch viele Menschen, die gegen das Fasten kämpfen wollen wie gegen ein reissendes Thier! Wie ein Thierkämpfer erst dann den Kampf beginnt, wenn er die Glieder, die am meisten dem Angriff ausgesetzt sind, durch alle möglichen Vorkehrungen gesichert und geschützt hat, so bewaffnen sich jene Helden zum Kampfe gegen die Fasten mit Fraß und Völlerei und gehen mit ganz geschwächter und verfinsterter Seele, ohne Sinn und Verstand dem Fasten entgegen, das ihnen sein freundliches und klares Antlitz zuwendet. Wenn ich S. 89 dich frage: Warum eilst du heut’ in’s Bad? dann gibst du zur Antwort: Um die Fasten mit reinem Leibe anzufangen. Wenn ich dich frage: Warum berauschest du dich heut’? dann lautet die Antwort wieder: Weil wir im Begriffe stehen, die Fasten zu beginnen. Ist es nun nicht höchst thöricht, wenn man diese herrliche Tugendübung zwar mit reinem Leibe, aber mit einer unreinen, durch Trunkenheit befleckten Seele anfangen will?
Es wäre nun zwar noch mehr zu sagen: wer indessen guten und ernsten Willens ist, hat an dem Gesagten zu seiner Besserung schon genug. Darum muß ich jetzt schliessen; denn es verlangt mich auch, die Stimme unseres Vaters zu hören. Ich komme mir nämlich im Schatten dieses Heiligthums vor wie ein Hirtenknabe, der unter einer Eiche oder Pappel seine kleine Rohrflöte bläs’t; unser Bischof aber ist der große Tonkünstler, der seine goldene Cither schlägt und durch den harmonischen Zusammenklang der Saiten alle Zuhörer entzückt. Wie die Saiten auf der Cither, so stimmen bei ihm die Worte und Werke vollkommen zusammen, und Das ist es, was uns Heil und Segen bringt. Solche Lehrmeister sind es, die Christus der Herr sucht und begehrt: „Wer vollzieht und lehrt,“ sagt er, „der wird groß genannt werden im Himmelreiche.“2 Ein solcher Lehrmeister ist unser Bischof; darum ist er auch groß im Himmelreiche. O daß es uns auf sein und aller seiner Amtsgenossen Flehen gelänge, des Himmelreiches gewürdigt zu werden — durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi! Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.
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Ὅταν … τὴν νεφέλην τῆς μέθης τὴν ἐκ τῆς ἀσιτίας γενομένην ἡμῖν συσκιάσωμεν. Montfoucon übersetzt: Cum … ebrietatis nube mundationem in nobis ab abstinentia factam offuscamus. Er scheint anzunehmen, daß nach γενομένην ein Substantiv (mundatioem) ausgefallen sei, und konstruirt das Verbum (συσκιάσωμεν) mit doppeltem Accusativ. Einfacher und wohl auch richtiger bezieht man γενομένην auf νεφέλην und fasst das ἐκ τῆς ἀσιτίας in dem Sinne: auf Veranlassung des Fastens. Dann lautet die wörtliche Uebersetzung etwa so: „Wenn wir … mit der Wolke der Trunkenheit, (die entsteht) durch Veranlassung des Fastens, uns verfinstern.“ ↩
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Matth. 5, 19. ↩