7.
Die vorstehende Einleitung hatte Giesebrecht bereits der ersten Ausgabe seiner Übersetzung im Jahre 1851 vorausgeschickt und sie dann, um weniges erweitert, 1878 in der zweiten wiederholt. Jch habe fie unverändert gelassen, und nur, wo es sich nicht umgehen ließ, chronologische Ansätze, die nach dem Stande der heutigen Forschung nicht mehr zu halten find, und kleine Versehen stillschweigend verbessert; wo ich mich zu größeren S. LIV sähen, besonders in den Anmerkungen, verpflichtet glaubte, habe ich sie durch [ ] kenntlich gemacht.
Die Forschung ist seit Giesebrecht nicht untätig gewesen und mannigfach zu neuen Ergebnissen gelangt. Vor allem ist durch das Erscheinen einer authentischen Ausgabe von Gregors Werken in den Monumente. Germaniae historiea im 1. Bande der Soriptores rerum Merovingicarum von Arndt und Krufch (1885)1 ein Text geschaffen, der jetzt die Grundlage für jede Beschäftigung mit Gregors Werken abgeben muß. Daneben steht das Buch von Maximilian Bonnet, Le Latin de Gregoire de Tours, 1890. Dieses Werk ist nicht nur ein Muster dafür, wie der Sprachgebrauch eines mittelalterlichen Schriftstellers zu behandeln ist, sondern von diesem sprachgeschichtlichen Standpunkte abgesehen, bietet es dem Leser Gregors den unschätzbaren Vorteil, daß es, aus der intimsten Kenntnis von Gregors Sprachgebrauch erwachsen, an zahlreichen Stellen die neue Ausgabe der M. G. berichtigt und ergänzt.
Eine kleine Handausgabe hat die Sooiete historique durch H. Omont und G. Collon herstellen lassen; sie druckte zu diesem Zwecke die einander ergänzenden Teile je der ältesten Hff. der beiden Rezensionen ab, in denen uns die Historia Fraucorum überliefert ist (Colleotion de text-es pour servir ä Petude et ä Penseignement de l’histoire, Fasse. Z, 16; 1887, 1894). Die noch in das 7. Jahrhundert gehörige, aus Beauvais stammende Handschrift 17654 der Pariser Nationalbibliothek hat diese in einem Faksimile-Druck in verkleinertem Maßstabe vollständig reproduzieren lassen2.
Neben diesen Publikationen stehen Forschungen, die sich mit S. LV dem Inhalte der Schriften Gregors beschäftigen. Es liegt in der Natur besonders der Historie Franeorum, daß sie für die verschiedensten Seiten kulturhistorischer Forschung Anregung gibt und Rede steht. So hat Godefroid Kurth3 dem Vorgange P. Rajna’s4 folgend, ihre sagenhaften Elemente untersucht, freilich nicht ohne einen an sich fruchtbaren Gedanken durch libertreibung zu einer Gefahr zu machen und der Versuchung zu erliegen, fast für jede einzelne Erzählung ein bestimmtes Heldenlied oder einen Liederkreis nachweisen zu wollen. Jn besonnenerer Weise behandelt die gleiche Frage K. Voretzsch, das Merovingerepos und die fränkische Heldensage5. C. A. Bernoulli, Die Heiligen der Merovinger, 1900, hat Gregor für die Geschichte der Kultur, K. Weimann, Die sittlichen Begriffe in Gregors von Tours »Historia. Francorum« für die Geschichte des sittlichen Lebens befragt, wobei nur jener fehlte, indem er zu bereitwillig Gestalten des christlichen Glaubens mit solchen des griechisch-römischen oder des germanischen Heidentums identifizierte, dieser, indem er den mittelalterlichen Schriftsteller als Zeugen für eine schematisch verfahrende Periodisierung der Geschichte ausrief, wie sie neuerdings von manchen Orten aus verfucht wird. Die Archäologie, vornehmlich die christliche Archäologie bei Gregor behandelte Le Mire, Etude arehem logique sur Gregoire de Tours, Lons le Saulnier 18786, zwar nicht erschöpfend, aber doch im Ganzen befriedigend. Bedeutfamer als die Ergebnisse dieser Spezialuntersuchungen S. LVI zu Gregors Werken sind die Fortschritte, welche unsere Erkenntnis der merovingischen Zeit seit Giesebrecht überhaupt gemacht hat. Es sei nur an die Werke von H. Brunner und R. Schröder zur Rechtsgeschichte, von A. Hauck zur Kirchengeschichte erinnert, zu schweigen von der Arbeit auf dem Gebiete der politischen Geschichte, die seitdem auch nicht gerastet hat.
Die vorliegende Revision der Giesebrecht’schen Übersetzung hat versucht, diesen Errungenschaften einigermaßen Rechnung zu tragen. Der Text ist sorgfältig, Wort für Wort, mit dem lateinischen Original verglichen worden, und zwar einem Original, das sich aus steter Kontrolle des Wortlautes in den Monumente. Germaniae durch die Untersuchungen Bonnet’s, aber auch durch eigene Nachprüfung erschloßz hier wird ein Text geboten, der die letzte Ausgabe bereits überholt. Sonst habe ich selten an Giesebrechts Worte getastet. In einer großen Zahl glücklicher Eingebungen hat er den oft sehr schwer zu erratenden Sinn der Worte Gregors in treffenden Wendungen wiedergegeben, und nur wo sich bei ihm selbst Unklarheiten einstellten oder der Einfluß des Originals in einer gewissen Holprigkeit der Diktion allzu deutlich wurde, habe ich mich zu Änderungen berechtigt geglaubt. Die Eigennamen habe ich durchweg egalisiert und im Allgemeinen dem modernen Gebrauch der Forschung angenähert, ohne mich an ihre Gewohnheiten gerade schematisch zu binden. Gründliche Durcharbeitung und vor allem Erweiterung haben die Anmerkungen erfahren. Hier schien mir Giesebrecht zu wenig getan zu haben. Namentlich in den ersten beiden Büchern habe ich mich bemüht, die theologischen Gedankengänge Gregors etwas zu erhellen, und dann bin ich darauf bedacht gewesen, wo es sich mit einiger Sicherheit tun ließ, auch die Nachwirkung antiker Einrichtungen und Zustände a«nzumerkeu. Wenn eine Periode den viel mißbrauchten Namen »UbergangsPeriode« verdient, so ist es die Gregors, in der sich in die S. LVII heraufdämmernde, mittelalterliche Kultur die letzten, langsam verklingenden Erinnerungen an eine größere und stolzere Vergangenheit mischen.
Jch verhehle mir nicht, daß gerade durch eine solche Erweiterung des gelehrten Apparates diese Übersetzung vielleicht etwas von ihrem ursprünglichen Charakter eingebüßt hat. Allein die »Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit« haben wohl niemals nur außerhalb der gelehrten Kreise Verwendung gefunden, und dürften es, bei dem Sinken des Standes unserer lateinischen Kenntnisse, in Zukunft wohl noch weniger. Zumal aber gegenüber einem Schriftstelley der solche Schwierigkeiten bietet wie Gregor, wird der Forscher häufiger als sonst« geneigt sein, eine Übersetzung zu Rate zu ziehen, und in solchen Fällen mag dann sein Blick vielleicht gerne auf erläuterndes Material fallen, das der wissenschaftlich nicht in gleichem Maße interessierte Leser unbeachtet lassen kann, wenn es ihn stört.
Zahlreiche Kollegen und Freunde, hier wie auswärts, haben mir bei der Arbeit ihre Unterstützung geliehen; besonders den Anmerkungen sind ihre Ratschläge zugute gekommen. Jch nenne K. von Amira, M. Bonnet, O. Crusisus, E. von Dobschütz, K. Dyroff, H. Grothe, F. Leo, Fr. G. von der Leyen, E. Preuschen, El. von Schwerin, W. Streitberg, Fr. Wilhelm, P. Wolters. Mein besonderer Dank gebührt dem vorzüglichen Kenner der merovingischen Periode und ihrer Quellen, Prof. W. Levis on in Bonn, der mir nicht nur durch die Ausschlüsse, die er gab, den Ausweg aus mancher Schwierigkeit zeigte« sondern sich in selbstlosester Weise auch der mühevollen Aufgabe der Mitkorrektur unterzog.
München, 5. März 1911. S. Hellmaum
Zehn Bücher Fränkifcher Gefchichte
Vom
Bischof Gregorius von Tours.
Giesebrecht konnte die Vorarbeiten dazu benutzen und hatte sich aUch spUst der Unterstützung ihrer Veranstalter zu erfreuen; vgl. oben S. 1L. — DIE PSSSIO Vll dormientium hat Krusch noch einmal auf Grund neugefundener Handschriften herausgegeben in den Aus-tecta Bollandiana Xll (1893) 371 ff. » ↩
Histoire des Franc-s de Gregoire de Tours, MS. de Beauvaim RSPIOCUCUOU teduite du manuserit en oneia1e, Latjn 17654 de le. bihliotheque neuen-le, Paris s. a. ↩
Histoire poetique des Merovingiens 1893. ↩
Le origini de1l’ epopea franeese 1884. ↩
In: Philologische Studien, Festgabe für Eduard Sievers, 53 ff. Von den »Studien für fränkische Sagengeschichte« von L. Jordan, Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 114-—118. Bd» 1905—-1907, beschäftigen sich die beiden letzten mit Gregor. Sie sind nicht frei von methodischen Fehlern und nur mit Vorsicht zu benutzen. ↩
Vorher in den Memoires de la« soejcste ckesmulatiou du Jurasp set. II» 3 (1877——1878) 377-—447. ↩
