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Werke Victricius von Rouen (330-407) De laude sanctorum Das Lob der Heiligen
Victricius von Rouen (330-407)
Das Lob der Heiligen
(De laude sanctorum)

I.

[Col. 0443A] Daß wir, geliebteste Brüder, der Barmherzigkeit Gottes und der Allmacht des Erlösers zugehören, dazu werden wir auch durch die gegenwärtige Fülle der geistlichen Güter ermahnt. Keinen Henker haben wir gesehen, das aus der Scheide gezogene Schwert kennen wir nicht, und doch treten wir an die Altäre der göttlichen Mächte; kein blutiger Feind ist heute da, und doch werden wir durch das Leiden der Heiligen reich; kein Folterknecht setzt jetzt zu, und doch tragen wir die Siegeszeichen der Märtyrer; kein Blut wird gegenwärtig vergossen, kein Verfolger setzt nach, und doch werden wir mit der Freude der Triumphe erfüllt. In Tränen ist man also einzutauchen, und die große Freude ist in reiches Weinen aufzulösen. Siehe, der größte Teil des himmlischen Heeres würdigt sich, unsere Stadt zu besuchen, so daß wir nun unter den Scharen der Heiligen und den ruhmreichen Mächten der Himmlischen wohnen dürfen. Keine geringe [Col. 0443B] Erleichterung der Sünden ist es, bei sich jene zu haben, die du unterweisest, bei sich jene zu haben, die du besänftigst. Wahrlich, aus der gegenwärtigen Freude ermesse ich, wieviel ich bis hierher verloren habe. Ich bitte, verzeiht meiner Ungeduld: die maßlose Freude versteht es nicht, ihre Worte abzuwägen. Ich leide und werde gewissermaßen nach menschlicher Vernunft betrübt, daß so spät die Bewohner unseres Herzens gekommen sind: weniger Sünden hätten sie vorgefunden, wären sie früher gekommen. Daher, Teuerste, sei dies unsere erste Bitte bei den Heiligen, daß sie unsere Sünden mit der frommen Erbarmung der Fürsprache entschuldigen, sie nicht mit dem Sinn eines Richtenden untersuchen. Und meine, heilige und verehrungswürdige Märtyrer, ist, wie ich meine, eine bei euch verzeihliche Entschuldigung der Verspätung. Denn daß ich nach Britannien aufgebrochen bin, daß ich dort verweilt habe, das hat die Ausführung eurer Gebote bewirkt. Um Frieden zu stiften, haben mich meine Mitpriester, die heilbringenden [Col. 0443C] Bischöfe, gerufen. Dies konnte ich nicht verweigern, der ich euch Kriegsdienst leistete. Es heißt nicht, den Pflichten zu fehlen, wenn man den Geboten gehorcht. Mit Recht weiß ich, daß ihr durch die Kraft der Tugend überall seid: denn durch keine Weite der Länder wird der himmlische Glanz geschmälert. Verzeihen müßt ihr also, daß ich erst beim vierzigsten Meilenstein, fast verspätet, herbeigeeilt bin. Euch innerhalb [Col. 0444A] Britanniens diente ich, und vom rings umflutenden Ozean getrennt, wurde ich dennoch durch euren Dienst festgehalten. Dieser Aufschub hat mein Verlangen verletzt, nicht aber meinen Dienst unterlassen. Ich jedoch schreibe alles eurer Majestät zu, weil ihr der Leib Christi seid und der göttliche Geist es ist, der in euch wohnt; euer ist es, daß ich abwesend war, euer ist es, daß ich zurückgekehrt bin. Es bleibt also übrig, daß der Grund meiner Entschuldigung dargelegt werde. Urheber des Friedens des Herrn seid ihr, als dessen Sachwalter ihr mich gleichsam erwählt habt. Dies Heilsgebot des Herrn Jesus und das eure habe ich innerhalb Britanniens ausgeübt, wenn auch nicht, wie ich gesollt hätte, so doch, wie ich konnte. Den Weisen habe ich die Liebe zum Frieden eingeflößt, den Gelehrigen sie vorgelesen, den Unwissenden eingeprägt, den Widerstrebenden eingetrichtert, nach dem Apostel, gelegen wie ungelegen darauf bestehend; und so bin ich durch Lehre und sanftes Zureden in ihre Seelen gelangt. Wo [Col. 0444B] mich jedoch der Ort und die menschliche Hinfälligkeit versuchte, da habe ich den Schutz eures Geistes erfleht. Ich tat, was bei größter Gewalt des Sturms jene tun, die zur See fahren: nicht die Kunstfertigkeit des Steuermanns, sondern die Barmherzigkeit der himmlischen Majestät rufen sie an. Denn die Fluten niederzuwerfen und den Winden ein Maß zu setzen, das vermag Jesus, der in euch ist; irdische Kunst kennt es nicht. Und gewiß muß ich mich nun nicht mehr um jene mühen, die ganz und gar dem Band der Zucht entfallen sind. Ich habe die Gegenwart eurer Majestäten: in deren Dienst entschuldigt der Diener der Religion, was die Autorität eurer Macht vollenden möge.

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