2. Worin man die hl. Männer bewundern müsse.
Wir müssen also Jene, welche Solches zur Schau tragen, nie wegen dieser Macht bewundern, sondern vielmehr darauf sehen, ob sie durch Ausrottung aller Laster und Besserung der Sitten vollkommen seien. Das wird in allweg nicht nach dem Glauben eines Andern und nicht aus verschiedenen Ursachen, sondern gerade nach dem Eifer eines Jeden durch die Gnadenspendung Gottes verliehen. Denn diese Wissenschaft der That, die mit einem andern Worte vom Apostel Liebe genannt wird, ist allen Sprachen der Menschen und Engel, jener Fülle des Glaubens, die selbst Berge versetzt, und aller Wissenschaft und Prophezie und der Austheilung alles Vermögens, ja endlich sogar dem glorreichen Marterthum durch apostolische Autorität vorgezogen. Denn nachdem er alle Arten der Gnadengaben aufgezählt und gesagt hatte: 1 „Dem Einen wird durch den S. b129 Geist gegeben das Wort der Weisheit, dem Andern das Wort der Wissenschaft, dem Einen der Glaube, einem Andern die Gabe zu heilen, dem Dritten die Kraft, Wunder zu wirken“ u. s. f. — da will er über die Liebe reden, und nun merket kurz, wie er sie allen Charismen vorzieht. Er sagt: 2 „Ich will euch noch einen über das Maß herrlichern Weg zeigen.“ Dadurch wird augenscheinlich gezeigt, daß die Hauptsache der Vollkommenheit und Seligkeit nicht in der Ausübung jener wunderbaren Dinge, sondern in der Reinheit der Liebe bestehe. Und mit Recht; denn all Jenes muß verschwinden und zu Nichte werden; die Liebe aber wird ewig dauern. Deßhalb sehen wir, daß unsere Väter jene Wunderwerke nicht zur Schau trugen; ja sie wollten dieselben, wenn sie durch die Gnade des hl. Geistes in deren Besitz waren, niemals ausüben, wenn nicht gerade eine sehr große und unvermeidliche Noth sie zwang.
