11. Daß Christus nur in der Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde gekommen sei.
Wie soll man nun aber auch Das nehmen, daß der Apostel erwähnt, der Herr sei in der Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde gekommen, 1 wenn auch wir ein von Sündenschmutz unbeflecktes Fleisch haben können? Denn auch Dieß wird von Jenem, der allein ohne Sünde ist, als etwas Besonderes angeführt. Es sandte der Herr seinen Sohn in die Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde, weil man glauben muß, daß er, der die wahre und ganze Menschennatur annahm, mit ihr doch nicht die Sünde selbst, sondern die Ähnlichkeit der Sünde angenommen habe. Denn die „Ähnlichkeit“ ist nicht gegen die Wahrheit des Fleisches zu deuten, nach dem verkehrten Sinne einiger Häretiker, 2 sondern von dem Bilde der Sünde. Denn es war in ihm wahres Fleisch, aber ohne die Sünde, also ähnlich dem sündigen. Das Erste gehört zu der Wahrheit der menschlichen Natur. Das Zweite ist gesagt in Beziehung auf die Sitten und Laster. Er hatte die Ähnlichkeit mit dem sündigen Fleische, als er wie ein unwissender und um Speise S. b343 bekümmerter Mensch fragte: 3 „Wie viele Brode habt ihr?“ Aber wie sein Leib durchaus nicht der Sünde unterworfen war so auch sein Geist nicht der Unwissenheit, und so fügt der Evangelist sogleich bei: 4 „Das aber sagte Jesus, um ihn zu prüfen, denn er selbst wußte, was er thun wollte.“ Er hatte ein dem sündhaften ähnliches Fleisch, als er wie dürstend von dem samaritanischen Weibe zu trinken verlangte; aber es war nicht befleckt von dem Sündenschmutze, da andererseits das Weib aufgefordert wurde, 5 lebendiges Wasser zu begehren, das sie nie mehr werde dürsten lassen, sondern in ihr werde zur Wasserquelle werden, die in das ewige Leben fortsprudelt. Er hatte die wahre Natur jenes Fleisches, als er im Schiffe schlief; damit aber die Schiffenden nicht durch diese Ähnlichkeit mit der Sünde getäuscht würden, stand er auf, gebot den Winden und dem Meere und es wurde eine große Ruhe. Nach allgemeinem Loose schien er mit den Übrigen der Sünde unterworfen, als von ihm gesagt wurde: 6 „Wenn dieser Mensch ein Prophet wäre, so wüßte er doch, was es für ein Weib ist, die ihn berührt, denn sie ist eine Sünderin;“ aber die Wirklichkeit der Sünde hatte er nicht, da er sogleich die Pharisäer ihres gotteslästerlichen Gedankens überführte und die Sünden des Weibes nachließ. Daß er mit den Übrigen ein sündiges Fleisch trage, mußte man glauben, als er nach Menschenart in der Todesgefahr und in dem Angstschauer vor den nahen Qualen so betete: „Vater, wenn es möglich ist, möge dieser Kelch an mir vorübergehen.“ Und: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod;“ aber von einer Sündenansteckung wußte jene Traurigkeit Nichts, da der Urheber des Lebens den Tod nicht fürchten konnte; denn er sagt: 7 „Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich gebe es selbst hin; ich habe die Macht, es hinzugeben, und die Macht, es wieder zu nehmen.“
