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Vom Zorne Gottes (BKV)
2. Die Stufen der Wahrheit.
Es gibt viele Stufen, auf denen man zum Wohnsitz der Wahrheit emporsteigen kann, und es ist nicht für jedermann leicht, sich zur höchsten Stufe emporzuschwingen. Denn der Glanz der Wahrheit blendet das Auge, und wer nicht festen Schritt einzuhalten vermag, der gleitet auf die Ebene herab. Die erste Stufe ist die, daß man die falschen Religionen erkennt und den ruchlosen Dienst der Gebilde von Menschenhand S. 71 verwirft; die zweite Stufe ist die, daß man innerlich überzeugt ist vom Dasein eines einzigen höchsten Gottes, dessen Macht und Vorsehung die Welt von Anbeginn geschaffen hat und für alle Zeit regiert; die dritte Stufe ist die, daß man seinen Diener und Boten erkennt, den er auf die Erde zu dem Zwecke gesandt hat, damit wir durch seine Lehre vom Irrtum, in den wir verstrickt waren, befreit, im Dienste des wahren Gottes unterwiesen und in der Gerechtigkeit unterrichtet würden. Auf all diesen Stufen ist, wie bemerkt, die Gefahr des Ausgleitens und Abstürzens nahe, wenn man nicht den Fuß mit unerschütterlicher Festigkeit aufsetzt.
Von der ersten Stufe sehen wir die herabgleiten, die zwar das Falsche einsehen, aber das Wahre nicht finden können; sie verachten die irdischen und gebrechlichen Bilder, ohne daß sie der Verehrung Gottes sich zuwenden, den sie nicht kennen; sie bewundern vielmehr die Elemente der Welt und verehren Himmel, Erde, Meer und Sonne samt den übrigen Gestirnen. Ihre Unverständigkeit haben wir bereits im zweiten Buche der göttlichen Unterweisungen1 dargetan.
Von der zweiten Stufe sehen wir die herabsinken, die zwar von einem höchsten Gott überzeugt sind, aber von den Philosophen sich bestricken und durch falsche Beweisführungen verleiten lassen, von jener einzigen Majestät anders zu denken, als es die Wahrheit mit sich bringt; denn sie nehmen entweder keine Persönlichkeit Gottes an, oder sie sprechen Gott jeden Affekt ab, weil jede Gemütsbewegung Zeichen der Schwäche sei, die sich in Gott nicht finden könne.
Von der dritten Stufe stürzen jene herab, die von dem Gesandten Gottes, dem Gründer des göttlichen und unsterblichen Tempels, zwar wissen, aber ihn nicht annehmen oder nicht so annehmen, wie es der Glaube verlangt. Diese haben wir zum Teil schon zurechtgewiesen im vierten Buche2 des genannten Werkes, und wir werden sie später noch eingehender zurechtweisen, wenn S. 72 wir daran gehen, auf alle Sekten zu antworten, die die Wahrheit zuerst zerstreut und dann verloren haben3. Für jetzt wollen wir uns gegen die wenden, die von der zweiten Stufe herabgleiten und verkehrte Anschauungen vom höchsten Gotte hegen. Denn manche behaupten, daß Gott niemand Gnade erweise und niemand zürne, daß er vielmehr ruhig und unbekümmert die Güter seiner Unsterblichkeit genieße. Andere sprechen Gott den Zorn ab und belassen ihm die Gnade; denn das Wesen, das durch die höchste Vortrefflichkeit sich auszeichne, dürfe zwar nicht Übles zufügen, aber auch des Wohltuns nicht entbehren. So stimmen die Philosophen insgesamt bezüglich des Zornes überein, gehen aber in der Gnade auseinander. Um nun die gestellte Aufgabe der Ordnung nach zu behandeln, müssen wir folgende Einteilung treffen und einhalten; da Zorn und Gnade im Gegensatz stehen und einander ausschließen, so muß man entweder: erstens den Zorn der Gottheit zuerkennen und die Gnade entziehen; oder zweitens Zorn und Gnade zugleich entziehen (Epikureer); oder drittens den Zorn wegnehmen und die Gnade belassen (Stoiker); oder viertens Zorn und Gnade Gott zuerkennen. Etwas weiteres außer diesem läßt die Natur der Sache nicht zu, und so muß sich in einer dieser vier Möglichkeiten die gesuchte Wahrheit finden. Betrachten wir nun die einzelnen Punkte, damit uns der geordnete Gang der Untersuchung zur verborgenen Wahrheit führe.
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A Treatise on the Anger of God
Chap. II.--Of the Truth and Its Steps, and of God.
For since there are many steps by which the ascent is made to the abode of truth, it is not easy for any one to reach the summit. For when the eyes are darkened by the brightness of the truth, they who are unable to maintain a firm step fall back to the level ground. 1 Now the first step is to understand false religions, and to throw aside the impious worship of gods which are made by the hand of man. But the second step is to perceive with the mind that there is but one Supreme God, whose power and providence made the world from the beginning, and afterwards continues to govern it. The third step is to know His Servant and Messenger, 2 whom He sent as His ambassador to the earth, by whose teaching being freed from the error in which we were held entangled, and formed to the worship of the true God, we might learn righteousness. From all of these steps, as I have said, there is a rapid and easy gliding to a downfall, 3 unless the feet are firmly planted with unshaken stedfastness.
We see those shaken off from the first step, who, though they understand things which are false, do not, however, discover that which is true; and though they despised earthly and frail images, do not betake themselves to the worship of God, of whom they are ignorant. But viewing with admiration the elements of the universe, they worship the heaven, the earth, the sea, the sun, the moon, and the other heavenly bodies.
But we have already reproved their ignorance in the second book of the Divine Institutes. 4 But we say that those fall from the second step, who, though they understand that there is but one Supreme God, nevertheless, ensnared by the philosophers, and captivated by false arguments, entertain opinions concerning that excellent majesty far removed from the truth; who either deny that God has any figure, or think that He is moved by no affection, because every affection is a sign of weakness, which has no existence in God. But they are precipitated from the third step, who, though they know the Ambassador of God, who is also the Builder of the divine and immortal temple, 5 either do not receive Him, or receive Him otherwise than faith demands; whom we have partly refuted in the fourth book of the above-named work. 6 And we will hereafter refute more carefully, when we shall begin to reply to all the sects, which, while they dispute, 7 have destroyed the truth.
But now we will argue against those who, falling from the second step, entertain wrong sentiments respecting the Supreme God. For some say that He neither does a kindness to any one, nor becomes angry, but in security and quietness enjoys the advantages of His own immortality. Others, indeed, take away anger, but leave to God kindness; for they think that a nature excelling in the greatest virtue, while it ought not to be malevolent, ought also to be benevolent. Thus all the philosophers are agreed on the subject of anger, but are at variance respecting kindness. But, that my speech may descend in order to the proposed subject, a division of this kind must be made and followed by me, since anger and kindness are different, and opposed to one another. Either anger must be attributed to God, and kindness taken from Him; or both alike must be taken from Him; or anger must be taken away, and kindness attributed to Him; or neither must be taken away. The nature of the case admits of nothing else besides these; so that the truth, which is sought for, must necessarily be found in some one of these. Let us consider them separately, that reason and arrangement may conduct us to the hiding-place of truth.
Revolvuntur in planum. ↩
Thus our Lord Himself speaks, John xvii. 3: "This is life eternal, that they may know Thee, the only true God, and Jesus Christ, whom Thou hast sent." [The Jehovah-Angel, vol. i. [164]pp. 223-226, this series, and sparsim.] ↩
Ad ruinam. ↩
Ch. v. and vi. pp. [165]47, 48. ↩
The temple built of living stones, 1 Pet. ii. 5. ↩
Ch. x., etc., [166]p. 108. ↩
Dum disputant; other editions read, "dum dissipant." ↩