4.
Wie endlich Arcadius und Honorius, zwey schwache und blödsinnige Prinzen, ihrem Vater in der Regierung nachgefolgt waren, näherte sich mit schnellen Schritten der Umsturz des Reiches. Habsucht und Raubbegierde der Vormünder von beiden Regenten waren so groß, daß die Häuser der Reichen ausgeplündert,1 die des Geldes beraubten Provinzen und Städte, unter welchen Rom den äußersten Mangel verspürte,2 von Einwohnern entblößt wurden, die die einbrechenden Barbaren vielmehr für ihre Befreier als für ihre Feinde ansahen.3 Bei den so sehr geschwächten Kräften des Reichs, daß kein Geld vorhanden war, wodurch man entweder die Barbaren, im Fall man Einbrüche von denselbigen zu besorgen hatte, befriedigen, oder die S. 12 Soldaten, durch welche man deren Angriffe hätte zurücktreiben sollen, unterhalten können, griffen dieselben zuerst die morgenländischen Provinzen an, während indessen überall innerliche Feindseligkeiten, Zwietracht und Schandthaten das Reich beunruhigten, dergestalt, daß durch den Aufruhr des Gainas und Tribigild, der Anführer der Barbaren, beinahe das ganze Staatsgebäude zusammengestürzt wäre.4 Unterdessen stüzte noch Stiliko, die lezte Säule des Römischen Reiches die sinkende Macht des abendländischen Theiles,5 bis nach dessen Ermordung ein Stoß von aussen die Römische Macht ganz zu Boden stürzte. Denn nachdem Alarich die Römischen Provinzen überschwemmt und eine große Menge Barbaren und Sclaven, welche zu ihm geflüchtet, in seinen Schutz genommen und durch sie sich verstärkt hatte,6 schwächte er die alles guten Raths beraubten Römer, die weder in der Treue der Barbaren7, noch in der Tapferkeit einheimischer Feldherren8 Hülfe fanden, dermassen, daß der Römische Name beinahe ausgerottet und fast alle Provinzen außerhalb Italien entweder gänzlich verwüstet wurden oder unter die Herrschaft der Barbaren geriethen.
Nachdenken und Scharfsinn bewies Zosimus allerdings in Entdeckung dieser Ursachen des Umsturzes; doch muß man sich wundern, daß er den ersten Einfall Alarichs in Italien gar nicht, und den Einbruch S. 13 der Alanen, Vandalen und Sueven in Gallien nur obenhin berührte,9 da doch beide Unfälle zur Zerstörung des Reiches gar vieles beitrugen. Die Begebenheiten, welche auf die zweite oder dritte Belagerung Roms folgten, deren Zosimus am Ende seiner Erzählung erwähnet, und die letzte Niederlage Italiens, so lange ein Schatten von Kaiserwürde dorten vorhanden war, vermißt man durch das Schicksal der Zeiten in der Geschichte des Zosimus, daher denn auch die Schilderung der Unfälle des Reichs unvollendet ist. Ueberhaupt stellte zu Zosimus Zeiten der Römische Staat ein trauriges Bild dar: Alles hatten die Barbaren inne; die meisten Provinzen waren in deren Besitz; die übrigen beherrschten sich selbst oder waren so menschenleer, daß Dörfer und Städte öd, und von diesen manche von Grund aus zerstört waren, daß man ihre Ruinen kaum entdecken konnte; wo sich noch irgend Einwohner fanden, schmachteten sie im äußersten Elende.10 An guten Köpfen, durch welche sonst die Staaten zur Blüthe kommen, fehlte es sehr;11 Tapferkeit12 und Wissenschaften,13 ehemals in voller Blüthe im Römischen Staate, waren gänzlich verschwunden.
Vielleicht möchte nach dieser Zusammenstellung derjenigen Umstände, welche Zosimus als Ursachen des Verfalls des Römischen Reiches hin und wieder S. 14 angiebt, dessen Glaubwürdigkeit, worüber so verschiedentlich geurtheilet wird, sich leichter bestimmen lassen. Unstreitig hat es unserm Geschichtschreiber sehr geschadet, daß er sich als Gönner der heidnischen, als Feind der christlichen Religion, als Tadler des oft ungemessen gepriesenen Konstantins und als Lobredner von Julians Regierung bewiesen und deutliche Spuren seines Unwillens gegen Konstantin und Theodosius, wegen Begünstigung der christlichen Religion und seiner Anhänglichkeit an heidnischen Aberglauben im Buche hinterlassen hat. Unpartheiische Beurtheiler werden, indem sie den letzten Flecken, von welchem so viele trefliche Geschichtschreiber des Alterthums nicht frei sind, bemerken, darum seiner ganzen übrigen Erzählung den Werth nicht absprechen; vielmehr denselben nach andern Gründen prüfen. Da Zosimus Begebenheiten erzählet, welche er nicht sah, so wird, um von seiner Glaubwürdigkeit ein unpartheiisches Urtheil fällen zu können, erfordert, zu wissen, was er für Quellen gebraucht; mit welcher Beurtheilungskraft und Redlichkeit er aus denselbigen geschöpft; ob er durch seine vorgefaßten Meinungen sich etwa verleiten lassen, aus Zuneigung oder Haß die Wahrheit zu entstellen?
Von Seiten des Werths der Quellen oder der Geschichtschreiber, aus welchen Zosimus schöpfte, möchte wohl schwerlich Anlaß zu einem Vorwurfe gegen denselben hergenommen werden können. Denn Dexippus, Eunapius und Olympiodorus, welchen er folgte, sind Geschichtschreiber, die entweder S. 15 von den durch sie bekleideten Würden oder von ihrer Gelehrsamkeit Gewicht erhalten. Jeder beschrieb Begebenheiten seiner Zeit, welche er vorzüglich sah; zwar nicht in der empfehlungswürdigsten Schreibart, aber doch ausführlich, nicht mit der Kürze eines Auszugs. Waren gleich Dexippus und Olympiodorus Heiden, so hat doch niemand unter den Alten deswegen an ihrer Unpartheilichkeit gezweifelt; und wenn schon Photius dem Eunapius, welcher eigentlicher Gelehrter war, wegen seiner Feindseligkeit gegen das Christenthum, Glaubwürdigkeit abspricht, so wird das niemand veranlassen, blos deswegen das Urtheil des Photius zu unterschreiben. Denn er unterstüzt solches nicht nur mit keinen weitern Gründen, sondern es blickt auch aus demselben deutlich genug der Haß hervor, welcher die Christen jener Zeiten verleitete, selbst die löblichen Eigenschaften der Heiden zu verkleinern, und wenn sie sich harte Urtheile über Angelegenheiten des Christenthums erlaubt hatten, solche hinwiederum zu verleumden und zu schwächen. Dieser Eunapius hatte nicht allein die Begebenheiten seines Zeitalters, sondern fast des ganzen Jahrhunderts vor ihm aufgezeichnet, und den Faden der Geschichte da aufgenommen, wo sein Zeitgenosse Dexippus geendiget hatte. Was die Begebenheiten vor seiner Zeit betrift, hatte er, wie schon aus Zosimus erhellet, welcher aus Eunapius gewissermaßen einen Auszug gemacht, unverwerfliche Gewährsmänner, denen man Erfahrenheit in Staats- und Kriegsgeschäften nicht absprechen kann; S. 16 ausserdem hatte derselbe, wie er in seinen Lebensbeschreibungen der Sophisten anzudeuten scheinet, einiges von den Philosophen Maximus und Priscus mitgetheilt bekommen, welche als Lehrer des Kaisers Julianus dessen vertrauten Umgang genossen und eben deswegen ihn bei seinen Feldzügen begleiten mußten. Will man einem Eunapius nicht gleiche Glaubwürdigkeit und Werth wie Dexippus und Olympiodorus zuerkennen, so wird freilich auch Zosimus Gewicht nach Maasgabe der von ihm benuzten Quellen verschieden seyn, und man wird diesemnach das Urtheil über ihn verschiedentlich bestimmen müssen; vornämlich in den vierzig ersten Kapiteln des ersten Buches; von diesem bis etwa zum sechs und zwanzigsten Kapitel des fünften Buches, und dann in dem übrigen Theil seiner Geschichte. Denn es ist ausgemacht, daß er in dem ersten so eben bezeichneten Abschnitte, des Dexippus Synopsis historica; in dem zweiten, als dem größten Theil seines Werkes, des Eunapius Chronicon, und im leztern des Olympiodorus Sylva, zum Leitfaden gewählt hatte.14
5, 12. u. 1 ferner 5. 6. 9. u. 25. ↩
5, 4. ↩
4, 29; 2, 38. ↩
5, 13 bis 23. ↩
5, 34. ↩
5, 42. ↩
6, 9. ↩
5, 36. ↩
6, 3. ↩
3, 7; 4, 59; 3, 32; 2, 38 u. 34. ↩
1, 1. ↩
5, 41. ↩
5, 24. ↩
Herr Reitemeier beruft sich zum Beweise hiervon auf seine Abhandlung in der Biblioth. philol. T. II. Jahrgang 1780. S. 225. u. ff., aus welcher ich gern das Nöthige mittheilte, wenn sie mir jetzo nicht unglücklicher Weise mangelte. ↩
