28. Ode
[Forts. v. S. 60 ] Wie die Flügel1 der Tauben über ihren Jungen und der Mund ihrer Jungen zu ihrem Munde, 2 so sind auch die Flügel des Geistes über meinem Herzen. 3 Mein Herz ist fröhlich und hüpft wie ein Kind, das im Leibe seiner Mutter hüpft. 4 Ich habe geglaubt, darum habe ich Ruhe gefunden, denn er ist treu, an den ich geglaubt habe. 5 Er hat mich reichlich gesegnet und mein Haupt ist bei ihm, und das Schwert soll mich nicht von ihm scheiden, auch nicht der Säbel. 6 Denn ich war bereit, bevor die Vernichtung kam, und ich war auf seine unvergänglichen Fittiche gesetzt, 7 und unsterbliches Leben ist hervorgekommen S. 61 und hat mich geküßt2, und davon ist der Geist in mir, und er kann nicht sterben, denn er ist lebendig. 8 Es wunderten sich diejenigen, die mich sahen, denn ich war verfolgt und sie meinten, ich wäre verschlungen, denn ich kam ihnen vor wie einer von den Verlorenen. 9 Meine Bedrückung aber wurde mir zur Rettung, und ich bin zu ihrer Verwerfung geworden, weil kein Eifer in mir war. 10 Weil ich einem jeden Gutes tat, wurde ich gehaßt, 11 und sie umringten mich wie tolle Hunde, die in ihrem Unverstand gegen ihren eigenen Herrn gehen; 12 Denn ihr Verstand ist verderbt, und ihr Sinn ist verkehrt. 13 Ich aber hielt das Wasser in meiner Rechten und seine Bitterkeit ertrug ich durch meine Süßigkeit. 14 Und ich ging nicht zugrunde, weil ich nicht ihr Bruder war, denn auch meine Abstammung war nicht wie die ihrige. 15 Und sie suchten meinen Tod und fanden ihn nicht, denn ich war älter, als ihr Gedächtnis (reichte); 16 und vergebens bedrohten sie mich 17 und die, welche hinter mir waren, versuchten umsonst das Gedächtnis jenes, der vor ihnen war, zu S. 62 vernichten; 18 denn dem Gedanken des Herrn kann man nicht zuvorkommen, und sein Herz ist größer als alle Weisheit. Hallelujah.
(Zu Ode 28.)
[Forts. v. S. 60 ] 3. Vgl. Luk. 1, 41. 5. Vgl. Röm. 8, 35. 6. „bereit"] d. h. in dem richtigen Zustande. 9. „zur Rettung“] hier erinnert man sich an den ebenfalls ganz paradoxen Satz in Ode 24, 6: „und die Vollendung ihrer Verderbtheit war das Leben“. Ich glaube, daß hier wie dort der Text nicht in Ordnung ist. — „zu ihrer Verwerfung, weil kein Eifer in mir war“] d. h. kein unheiliger Eifer nach ihrem Sinn; aber der Satz ist nicht verständlich. Harris fragt, ob nicht zu übersetzen sei: „Weil ich kein Zelot war“. Das gäbe einen geschichtlichen Fingerzeig; aber die Übersetzung wäre ein Wagnis. 11. Vgl. Ps. 22, 17. 13. „das Wasser“] Harris meint: „that I might put out their flame“; aber das ist unmöglich; das Wasser ist ja bittres Wasser; Harris übersetzt freilich: „ihre Bitterkeit“. Daß er das bittre Wasser in seiner Rechten hält, ist ein ganz dunkler Ausdruck. Sollte „ihre Bitterkeit“ zu lesen sein, so wäre das Wasser als Sakrament zu denken. 14. Durch die Prädestination Gottes und die Erlösung ist er ein anderer als sie; vgl. 17, 4. 6. 15. Hier sieht man, daß an Christus nicht zu denken ist. — „ich war älter als ihr Gedächtnis“] ist wohl von seiner Prädestination zu verstehen. 17. „hinter . . . vor“] d. h. jünger . . . älter, s. v. 15. Der, der vor ihnen war, ist er selbst.
statt גפי ܓܦ̈ܝ ist גפא ܓܦ̈ܐ zu lesen, denn ein Stat. constr. mit folg. ד ܕ ist unmöglich. Vgl. auch das zu Ode 10, 2 Bemerkte. ↩
נשקכני ܢܫܩܟܢܝ kann, vorausgesetzt, daß der Text richtig wiedergegeben ist, nur Perf. von נשק ܢܫܩ „küssen“ sein. Harris übers. „wird mir zu trinken geben“ also Imperf. Afel von ,שקא ܫܩܐ das müßte aber נשקכנני ܢܫܩܟܢܢܝ lauten. נפקונ ܢܦܩܘܢ ist dann als verlängerte Perfectform zu fassen. ↩
