Dritter Artikel. Die Erbsünde ist Begierlichkeit.
a) Dementgegen sagt: I. Damascenus (2. de orth. fide 4. et 30.):„Jede Sünde ist gegen die Natur.“ Die Begierlichkeit aber ist gemäß der Natur; denn sie ist die dem natürlichen Vermögen der Begehrkraft eigens zukommende Thätigkeit. Also ist die Begierlichkeit nicht die Erbsünde. II. Paulus spricht von „Leidenschaften der Sünden in uns,“ welche von der Erbsünde herrühren. (Röm. 7.) Viele andere Leidenschaften aber sind in uns außer der Begierlichkeit. III. Durch die Erbsünde werden alle Kräfte der Seele in Unordnung gebracht. Die Vernunft aber ist die höchste unter diesen Kräften. Also ist die Erbsünde vielmehr Unkenntnis wie Begierlichkeit. Auf der anderen Seite sagt Augustin (l Retr. 15.): „Begierlichkeit ist die Schuld der Erbsünde.“
b) Ich antworte, daß jegliches Wesen seine Gattung erhält von seiner Wesensform her. Die Gattung der Erbsünde aber wird genommen aus der Ursache der Erbsünde. Was also bestimmend oder formal ist in der Gattung der Erbsünde, das muß von seiten der Ursache der Erbsünde her betrachtet werden. Für den Gegensatz nun bestehen entgegengesetzte Ursachen. Man muß somit zuerst erwägen die Ursache der Urgerechtigkeit, welche der Ursache der Erbsünde entgegengesetzt sein muß. Die ganze Ordnung nun in der Urgerechtigkeit kam daher, daß der vernünftige Wille des Menschen Gott unterworfen war. Diese Unterwerfung kam in erster Linie und hauptsächlich vom Willen, dessen Sache es ist, alle anderen Vermögen zum Zwecke hin zu bewegen. Von der Abwendung des Willens von Gott also ging aus die Unordnung in allen übrigen Kräften der Seele. So ist demnach der Mangel der Urgerechtigkeit, durch Welche der Wille Gott unterworfen war, das bestimmende, formale Moment in der Erbsünde. Alle übrige Unordnung in den Kräften der Seele verhält sich in der Erbsünde wie das Material- das bestimmbare Moment. Diese Unordnung aber in den anderen Kräften besteht besonders darin, daß sie in ungeregelter Weise sich zum veränderlichen Gute wenden; und diese Unordnung wird mit einem gemeinsamen Namen „Begierlichkeit“ genannt. So ist also das Bestimmbare in der Erbsünde die Begierlichkeit; das Formale, Bestimmende der Mangel der Urgerechtigkeit.
c) I. Begehren ist dem Menschen natürlich, insoweit der sinnliche Teil von der Vernunft her seine Richtschnur erhält, überschreitet die Begierde diese Richtschnur, so ist sie gegen die Natur. II. Die Leidenschaften der Abwehrkraft werden zurückgeführt auf die der Begehrkraft und unter letzteren bewegt die Begierde am heftigsten; also werden in dieser gleichsam alle anderen eingeschlossen. III. Im Bereiche des Guten hat die Vernunft die erste Stelle; im Bereiche des Bösen ist der niedere Teil der leitende, der die Vernunft verfinstert und nach sich zieht. Deshalb ist die Erbsünde mehr Begierlichkeit wie Unkenntnis.
