Zweiter Artikel. Die moralischen Vorschriften im Alten Gesetze richten sich auf alle Tugendakte.
a) Dies scheint nicht. Denn: I. Die Beobachtung der Vorschriften im Alten Gesetze wird „Rechtfertigung“ genannt, nach Ps. 118.: „Deine Rechtfertigungen will ich bewahren.“ „Rechtfertigung“ aber will sagen einen Akt der Gerechtigkeit, nämlich deren Ausführung. Also nur die Gerechtigkeit berücksichtigen die moralischen Vorschriften im Alten Testamente. II. Was geboten ist, hat den Charakter der Verpflichtung; dieser aber gehört nur der Tugend der Gerechtigkeit an, der es gebührt, jedem das Seine zu geben. III. Das Gesetz wird aufgestellt wegen des gemeinen Besten; was wiederum nur Gegenstand der Gerechtigkeit ist. (5 Ethic. 1 et 2.) Auf der anderen Seite sagt Ambrosius (de parad. 8.): „Sünde ist Übertretung des göttlichen Gesetzes und Ungehorsam gegen die himmlischen Gebote.“ Die Sünden stehen aber gegenüber allen Tugendakten. Also das göttliche Gesetz stellt Ordnung her in allen Tugendakten.
b) Ich antworte, da das Gesetz das Gemeinbeste berücksichtigt, so müsse man die Verschiedenheit der Gesetze erwägen nach den verschiedenen Weisen der Gemeinschaften. Denn anderer Gesetze bedarf es nach 3 Polit. 9. et lib. 4 c. 1. in einem Staate, wo ein König an der Spitze steht; und anderer in einem Staate, wo das Volk herrscht oder eine Vereinigung von wenigen Besten. Nun ist eine andere Art Gemeinschaft, wozu das menschliche Gesetz hinordnet, und eine andere Art jene, wozu das göttliche Gesetz hinordnet, Das menschliche Gesetz hat zum Zwecke die Ruhe und Ordnung im bürgerlichen Gemeinwesen, die hauptsächlich in der gegenseitigen guten Beziehung der äußeren Thätigkeiten besteht, durch welche die Menschen miteinander in Verbindung treten. Eine derartige Gemeinschaft und Verbindung gehört nun rein der Gerechtigkeit an, die so recht eigentlich die leitende Stelle hat im menschlichen Gemeinwesen. Das menschliche Gesetz also stellt nur Gebote hin, welche der Thätigkeit der Gerechtigkeit entsprechen; und kommt es vor, daß sie andere Tugenden berücksichtigt, so ist dies immer unter dem Gesichtspunkte der Gerechtigkeit. Die Gemeinschaft aber, zu welcher das göttliche Gesetz hinordnet, ist die mit Gott in diesem und im zukünftigen Leben. Und danach stellt das göttliche Gesetz Gebote auf mit Rücksicht auf Alles, wodurch der Mensch gut geleitet wird für die Gemeinschaft mit Gott. Da nun der Mensch mit Gott verbunden wird kraft des vernünftigen Geistes, worin das Bild Gottes ist, so stellt das göttliche Gesetz Gebote vor rücksichtlich alles dessen, wodurch die Vernunft des Menschen in gute Ordnung kommt. Dies aber ist der Fall mit allen Tugenden. Denn die Tugenden in der Vernunft selbst ordnen gut die vernünftige Thätigkeit an und für sich; die moralischen Tugenden aber ordnen gut die vernünftige Thätigkeit mit Rücksicht auf die inneren Leidenschaften oder die äußeren Thätigkeiten. Also beziehen sich die Vorschriften des göttlichen Gesetzes auf alle Tugendakte insgesamt; so zwar, daß Manches, ohne was die Ordnung der Tugend nicht bestehen kann, unter die Verpflichtung des Gebotes fällt; und Anderes, womit die Tugend besser besteht, angeraten wird.
c) I. Es ist gerecht, daß der Mensch Gott in Allem gehorcht; es ist zudem gerecht, daß Alles im Menschen der Vernunft unterworfen wird. II. Die Gerechtigkeit im eigentlichen Sinne hat zum Gegenstande die Verpflichtung des einen Menschen gegenüber dem anderen. In den anderen Tugenden wird erwogen die Verpflichtung der niederen Kräfte im selben Menschen gegenüber der Vernunft; und danach hat Aristoteles (5 Ethic. ult.) die Bezeichnung einer figürlichen Gerechtigkeit. III. Ist oben beantwortet.
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